Raumordnungsverfahren Brenner-Nordzulauf
Ludwig fordert „bessere Lösungen“

Rosenheim — „Ein Jahrhundertprojekt hat den nächs­ten Schritt ge­nom­men“, re­sü­miert Wirt­schafts­mi­nis­ter Hubert Aiwanger: Beim Raum­ord­nungs­ver­fah­ren zum Brenner-Nord­zu­lauf sind vier der fünf von der DB Netz AG vor­ge­schla­ge­nen Grob­tras­sen raum­ver­träg­lich, lau­tet das Prüf­er­geb­nis der Re­gie­rung von Ober­bayern. Ei­ne Vor­zugs­tras­se wur­de hier­bei nicht er­mit­telt und wei­te­re um­fang­rei­che Maß­nah­men sind noch er­for­der­lich – das be­trifft et­wa den Lärm­schutz, die un­ter­ir­di­schen Tras­sen­ver­läu­fe und die Gleis­füh­rung. Doch die For­de­run­gen aus der Re­gion wä­ren be­stä­tigt wor­den, sagt die Ro­sen­hei­mer Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Daniela Ludwig, wenn­gleich „bes­se­re Lö­sun­gen“ von­nö­ten sei­en. Al­ler­dings bleibt die Fra­ge der Kri­ti­ker nach dem Be­darf wei­ter un­be­ant­wor­tet. Des­halb leh­nen Bür­ger­ini­tia­ti­ven und der BUND Na­tur­schutz in Bayern den Neu­bau wei­ter­hin ab und be­ste­hen auf den Aus­bau der Bestandsstrecke.

Rund 30.000 Einwendungen aus der Öf­fent­lich­keit so­wie zir­ka 100 Stel­lung­nah­men von Kom­mu­nen, Be­hör­den, Ver­bän­den und Or­ga­ni­sa­tio­nen sind in das Raum­ord­nungs­ver­fah­ren (ROV) zum Brenner-Nord­zu­lauf für den Ab­schnitt zwi­schen den Ge­mein­den Tuntenhausen und Kiefersfelden im Land­kreis Rosenheim ein­ge­flos­sen. Von den ⭲ fünf Grob­tras­sen­va­ri­an­ten, wel­che die DB Netz AG als Vor­ha­ben­trä­ge­rin in das Ver­fah­ren ein­ge­führt hat, ent­spricht ei­ne Va­ri­an­te – Blau öst­lich des Inns – nicht den Er­for­der­nis­sen der Raum­ord­nung. Die ver­blie­be­nen vier Va­ri­an­ten – Oliv, Gelb und Tür­kis west­lich des Inns und Vio­lett öst­lich des Inns – sind raum­ver­träg­lich mit um­fang­rei­chen Maß­ga­ben bei Im­mis­sions­schutz, Land- und Forst­wirt­schaft so­wie Na­tur und Land­schaft. Wel­che die­ser vier Va­ri­an­ten wei­ter­ver­folgt wird, ob­liegt der Ent­schei­dung der DB Netz AG, wo­bei ei­ne rechts­ver­bind­li­che Ge­neh­mi­gung des Vor­ha­bens ei­nem Plan­fest­stel­lungs­ver­fah­ren des Ei­sen­bahn­bun­des­am­tes vor­be­hal­ten bleibt. Nach den Os­ter­fe­rien soll die DB Netz AG ei­nen kon­kre­ten Tras­sen­vor­schlag für den Brenner-Nord­zu­lauf vorlegen.

Die wei­te­re Planung kon­zen­triert sich jetzt auf ei­ne Hand­voll kon­kre­ter Tras­sen­vor­schlä­ge, die wei­ter be­leuch­tet und ge­ge­be­nen­falls ver­bes­sert wer­den sol­len“, er­klär­te der stell­ver­tre­ten­de Mi­nis­ter­prä­si­dent des Frei­staa­tes Bayern und Baye­ri­sche Staats­mi­nis­ter für Wirt­schaft, Lan­des­ent­wick­lung und Ener­gie im Ka­bi­nett Söder II, Hubert Aiwanger (Freie Wähler), im KU’KO Rosenheim bei der Vor­stel­lung der lan­des­pla­ne­ri­schen Be­ur­tei­lung. Die Prä­sen­ta­tion er­folg­te ge­mein­sam mit Kerstin Schreyer (CSU), Staats­mi­nis­te­rin für Woh­nen, Bau und Ver­kehr, so­wie Maria Els, Re­gie­rungs­prä­si­den­tin der Re­gie­rung von Oberbayern, und Klaus-Dieter Josel, Kon­zern­be­auf­trag­ter der Deut­schen Bahn AG für den Frei­staat Bayern. Aiwanger be­ton­te: „Am En­de soll ei­ne ver­träg­li­che und rich­ti­ge Ent­schei­dung für die Bür­ger, die Na­tur und die Wirt­schaft ge­trof­fen wer­den.“ Da­her tra­fen sich Aiwanger und Schreyer im An­schluss auch mit Ver­tre­tern der 17 Bür­ger­ini­tia­ti­ven (BI) zum „Bür­ger­aus­tausch“.

Kritik von BI und BN

Trotz strö­men­den Regens hat­ten zu­vor rund 30 BI-Vertreter und 50 Bauern mit ih­ren Trak­to­ren un­ter Be­ach­tung der ⭲ Corona-be­­din­g­­ten Hy­gie­ne­auf­la­gen und Ab­stands­re­geln er­neut pro­tes­tiert und auf den feh­len­den Be­darfs­nach­weis auf­merk­sam ge­macht. Da­bei ver­wie­sen sie auf die ih­rer An­sicht nach ge­rin­ge Aus­las­tung der Be­stands­stre­cke so­wie auf de­ren Taug­lich­keit als Brenner-Nord­zu­lauf: „Durch ei­nen se­ri­ös ge­plan­ten Aus­bau der Be­stands­stre­cke könn­ten 99 Pro­zent der ge­for­der­ten 400 Zü­ge zum Brenner­tun­nel fah­ren – und ob die­se über­haupt nach Corona noch ge­braucht wer­den, ist sehr frag­lich“, äu­ßer­te Peter Margraf vom „Bür­ger­fo­rum Inntal“. Aiwanger wur­de ein Schrei­ben al­ler BI über­reicht, in dem die Be­auf­tra­gung ei­ner „Mach­bar­keits­stu­die zur Er­tüch­ti­gung der Be­stands­stre­cke als Brenner-Nord­zu­lauf“ ge­for­dert wird. Die BI-Ver­tre­ter kün­dig­ten an, ih­ren „kon­struk­ti­ven Kampf ge­gen ein zwei­tes Stuttgart 21 und für ei­ne Ver­än­de­rung der Ver­kehrs­po­li­tik mit ein­sei­ti­gem Fo­kus auf LKW-Trans­por­te“ fort­set­zen zu wollen.

Der „BUND Naturschutz in Bayern e. V.“ (BN) lehn­te eben­falls die von der Re­gie­rung von Ober­bayern als raum­ver­träg­lich be­wer­te­ten Tras­sen ab. Bei die­sen trä­ten die Be­ein­träch­ti­gun­gen der Schutz­gü­ter Bo­den, Was­ser, Land­wirt­schaft und Er­ho­lung zwar in un­ter­schied­li­chem Aus­maß auf, sei­en aber bei je­der Va­ri­an­te ins­ge­samt so gra­vie­rend, dass der Neu­bau der Bahn­tras­se nicht ver­tret­bar sei, er­läu­ter­te BN-Lan­des­vor­sit­zen­der Richard Mergner. Sei­ne For­de­rung: „Die Er­tüch­ti­gung des Be­stan­des, mit Schutz­maß­nah­men ge­gen Lärm und Er­schüt­te­rung nach Neu­bau­stan­dard muss in die Al­ter­na­ti­ven-Prü­fung auf­ge­nom­men wer­den und der not­wen­di­ge An­schluss an den Gü­ter-Ost­kor­ri­dor (Landshut-Mühldorf-Freilassing) muss zwin­gend Be­rück­sich­ti­gung finden.“

Kritik aus der Politik

Rosenheims Landrat Otto Lederer (CSU) er­in­ner­te zu­dem an die Viel­zahl der In­fra­struk­tur­ein­rich­tun­gen in der Re­gion, darun­ter Au­to­bah­nen, Bahn­stre­cken, Öl‑, Gas- und Strom­lei­tun­gen: „Des­halb se­hen wir von Sei­ten des Land­krei­ses Rosenheim kei­nen Spiel­raum für ei­ne rein ober­ir­di­sche Neu­bau­stre­cke.“ Aus die­sem Grun­de ha­be der Kreis­tag be­reits ein­stim­mig die fünf ur­sprüng­li­chen Grob­tras­sen abgelehnt.

Demgegenüber zeig­te sich Rosenheims Bundestagsabgeordnete Daniela Ludwig (CSU) mit den Prüf­er­geb­nis­sen des ROV zu­frie­den: „Sie ge­ben uns deut­li­chen Rü­cken­wind.“ Hier­bei hob sie fünf Punk­te her­vor. Ers­tens sei po­si­tiv, dass die blaue Va­ri­an­te öst­lich des Inns ent­fal­le, da sie ins­be­son­de­re die Be­rei­che um Neubeuern und Nußdorf über Ge­bühr be­las­tet hät­te. Zwei­tens hal­te die Re­gie­rung von Oberbayern in meh­re­ren Fäl­len die Prü­fung un­ter­ir­di­scher Tras­sen­ver­läu­fe für wich­tig. Dies be­tref­fe bei­spiels­wei­se im Os­ten die vio­let­te Tras­se bei Rohrdorf/Lauterbach, im Wes­ten ins­be­son­de­re den Be­reich Bad Aibling/Kolbermoor. Drit­tens sei die For­de­rung des Ro­sen­hei­mer Kreis­tags und der Stadt Rosenheim auf­ge­nom­men wor­den, für bei­de Inn­que­run­gen im Sü­den und im Nor­den ei­nen un­ter­ir­di­schen Ver­lauf zu prü­fen. Vier­tens se­he auch die Re­gie­rung von Ober­bayern er­heb­li­che De­fi­zi­te bei der Pla­nung der Tras­sen nörd­lich von Ro­sen­heim. Und fünf­tens hält Ludwig die For­de­rung der Re­gie­rung von Ober­bayern für „we­sent­lich“, für die Ver­knüp­fungs­stel­le bei Niederaudorf ei­ne un­ter­ir­di­sche Lö­sung zu fin­den. Sie ha­be be­reits Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­ter Andreas Scheuer (CSU) ge­be­ten, da­zu ei­ne Mach­bar­keits­stu­die er­stel­len zu las­sen. „Ich er­war­te nun von der Deut­schen Bahn, dass sie die Maß­ga­ben der Re­gie­rung von Ober­bayern oh­ne Zeit­druck prüft und um­setzt“, er­gänz­te Ludwig: „Zum Schutz von Mensch und Na­tur muss es bes­se­re Lö­sun­gen ge­ben als die, die bis­her auf dem Tisch lie­gen.“ 


Erstveröffentlichung

Print: Ro­sen­hei­mer blick, Inn­ta­ler blick, Mang­fall­ta­ler blick, Was­ser­bur­ger blick, 35. Jg., Nr. 5/2021, Sams­tag, 6. Fe­bru­ar 2021, S. 1f., Ko­lum­ne „Leit­ar­ti­kel“ [9+201/3/1/3].
Online: ⭱ blick-punkt.com, Mon­tag, 1. Fe­bru­ar 2021; ⭱ E‑Paper Ro­sen­hei­mer blick, ⭱ E‑Paper Inn­ta­ler blick, ⭱ E‑Paper Mang­fall­ta­ler blick, ⭱ E‑Paper Was­ser­bur­ger blick, Sams­tag, 6. Fe­bru­ar 2021.


Rotwesten“ protestierten in Rosenheim

Trotz ei­si­ger Tem­pe­ra­tu­ren de­mon­strie­rten die „Rot­wes­ten“ am 21. Ja­nu­ar 2019 vor dem Land­rats­amt Rosenheim für ei­ne „be­darfs­ge­rech­te“ Nord­zu­lauf­stre­cke zum Brenner Ba­sis­tun­nel (BBT) und zeig­ten Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­ter Andreas Scheuer „Ro­te Kar­ten“. Fotos: okk

 

Dr. Olaf Konstantin Krueger M.A.

Digitaljournalist – Digitalpolitiker

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