vbw will ländlichen Raum gestärkt sehen
Kathrein: „Vorhandene Potenziale sind auszuschöpfen“

Ro­sen­heim — „Der länd­li­che Raum muss Wirt­schafts‑, Wohn- und Kul­tur­ort blei­ben“, ap­pel­liert An­ton Kath­rein bei der Vor­stel­lung ei­ner Ana­lyse der „vbw – Ver­ei­ni­gung der Baye­ri­schen Wirt­schaft e. V.“ über Chan­cen und Heraus­for­de­run­gen für den länd­li­chen Raum in Ober­bayern. Im Blick­feld: de­mo­gra­fi­scher Wan­del und Mi­gra­tion, Fach­kräf­te­si­che­rung, In­fra­struk­tur, Ge­sund­heits­ver­sor­gung, Di­gi­ta­li­sie­rung, Tou­ris­mus. Fa­zit vom vbw-Vor­stands­mit­glied und Vor­stands­vor­sit­zen­den der Kath­rein SE: Die Po­li­tik müs­se ih­rem Auf­trag nach gleich­wer­ti­gen Le­bens­ver­hält­nis­sen und Ar­beits­be­din­gun­gen nach­kom­men. Im Rah­men der kom­mu­na­len Da­seins­vor­sor­ge sei ei­ne zu­kunfts­fä­hi­ge In­fra­struk­tur be­reit­zu­stel­len.

Bayern ist zu 85 Pro­zent durch länd­li­che Räu­me ge­prägt. Acht Mil­lio­nen Men­schen ha­ben hier ih­ren Le­bens- und Ar­beits­mit­tel­punkt, mit­hin 60 Pro­zent der Ge­samt­be­völ­ke­rung des Frei­staa­tes. Zwei von drei In­dus­trie­be­schäf­tig­ten ar­bei­ten im länd­li­chen Raum. Un­ter den hier an­säs­si­gen klei­nen und mit­tel­stän­di­schen Un­ter­neh­men (KMU) be­fin­den sich „Hid­den Champ­ions“ – Markt­füh­rer in ei­nem be­stimm­ten Seg­ment –, un­ter den Kon­zer­nen „Glo­bal Player“ mit ho­her Wert­schöp­fung. Dör­fer, Kul­tur­land­schaft und na­tur­räum­li­che Ge­ge­ben­hei­ten tra­gen ent­schei­dend zum Er­schei­nungs­bild Bayerns und sei­ner Re­gie­rungs­be­zir­ke bei. Die vbw-Ana­lyse „Länd­li­cher Raum – zu­künf­ti­ge Heraus­for­de­run­gen“ fo­kus­siert auf die Chan­cen und Heraus­for­de­run­gen in Ober­bayern und for­mu­liert Hand­lungs­fel­der für Po­li­tik und Wirt­schaft.

De­mo­gra­fi­scher Wan­del und Fach­kräf­te­si­che­rung

Bei al­ler Ab­wei­chung im De­tail prog­nos­ti­ziert das Baye­ri­sche Lan­des­amt für Sta­tis­tik ei­nen Ge­samt­an­stieg der Be­völ­ke­rung Bayerns von 12,9 Mil­lio­nen Men­schen En­de 2016 auf knapp 13,5 Mil­lio­nen im Jahr 2036: ein Plus von 4,2 Pro­zent. Im Re­gie­rungs­be­zirk Ober­bayern er­gä­be sich in die­sen zwan­zig Jah­ren ein Be­völ­ke­rungs­zu­wachs von 4,6 auf knapp 5,1 Mil­lio­nen (9,9 Pro­zent). Die Re­gion Süd­ost­ober­bayern ver­zeich­ne ein Plus von 5,4 Pro­zent – da­run­ter der Land­kreis Mühl­dorf von 7,7 Pro­zent, der Land­kreis Ro­sen­heim von 7,6 Pro­zent, die kreis­freie Stadt Ro­sen­heim von 4,5 Pro­zent, der Land­kreis Traun­stein von 4,9 Pro­zent und der Land­kreis Berch­tes­ga­de­ner Land von 3,1 Pro­zent. Bayern­weit wer­de der An­teil der über 65-Jäh­ri­gen von 33 Pro­zent im Jahr 2016 auf rund 48 Pro­zent im Jahr 2036 stei­gen, in Ober­bayern von 31,3 auf 41,5 Pro­zent. In Süd­ost­ober­bayern sol­len dann 52 Pro­zent der Men­schen über 65 Jah­re alt sein.

Wäh­rend laut vbw-Ana­ly­se Me­tro­pol­re­gio­nen durch­gän­gig ei­ne „po­si­ti­ve Prog­no­se“ hät­ten und als „Ge­win­ner“ des de­mo­gra­fi­schen Wan­dels gel­ten könn­ten, wür­den länd­li­che Räu­me und kreis­freie Städ­te oh­ne An­schluss an ei­ne Me­tro­pol­re­gion schrump­fen. Über al­le Bran­chen und Qua­li­fi­ka­tions­ni­veaus hin­weg sin­ke die Zahl der Er­werbs­tä­ti­gen. „Das hat Aus­wir­kun­gen auf die Ver­füg­bar­keit von Fach­kräf­ten und führt in man­chen ober­baye­ri­schen Un­ter­neh­men schon heu­te zu Ein­schrän­kun­gen in der Pro­duk­tion“, er­läu­tert vbw-Vor­stands­mit­glied Kath­rein.

Die­ser Ent­wick­lung soll­te mit drei Maß­nah­men be­geg­net wer­den: Ers­tens müs­se die Er­werbs­tä­tig­keit von Frauen deut­lich ge­stei­gert wer­den, vor al­lem durch die bes­se­re Ver­ein­bar­keit von Fa­mi­lie und Be­ruf dank mehr Kin­der­be­treuungs- und Pfle­ge­ein­rich­tun­gen, zwei­tens müs­se statt der Rente mit 63 Jah­ren die Rente mit 67 „kon­se­quent“ um­ge­setzt wer­den, drit­tens sol­len aus­län­di­sche Fach­kräf­te „ge­zielt“ in die länd­lich ge­präg­ten Re­gio­nen wan­dern.

In­fra­struk­tur und Ge­sund­heits­ver­sor­gung

Bei der Auf­recht­er­hal­tung und Qua­li­täts­si­che­rung der tech­ni­schen und so­zia­len In­fra­struk­tur sieht der vbw den Staat in der Pflicht, Steuer­gel­der so­wohl ef­fi­zient als auch zum größt­mög­li­chen Nut­zen adä­quat in ganz Bayern ein­zu­set­zen. Hin­sicht­lich der Ver­kehrs­in­fra­struk­tur brau­che der In­dus­trie­stand­ort et­wa die drit­te Start- und Lan­de­bahn am Flug­ha­fen Mün­chen, den durch­gän­gig drei­spu­ri­gen Aus­bau der A8 in bei­den Fahrt­rich­tun­gen von Mün­chen bis Salz­burg, ei­ne Er­tüch­ti­gung der A94 von Mün­chen nach Mühl­dorf und Pas­sau, die Bahn­tras­sen­fest­le­gung beim Bren­ner­nord­zu­lauf von Mün­chen nach Kie­fers­fel­den, den zwei­spu­ri­gen Aus­bau in­klu­si­ve Elek­tri­fi­zie­rung der Bahn­stre­cke ABS 38 Mün­chen/Mühl­dorf/Chemie­drei­eck/Frei­las­sing so­wie flexib­le Ver­kehrs­kon­zep­te mit Car- und Bike-Sha­ring, Hol- und Bring­diens­ten.

Hö­he­re Le­bens­er­war­tung und Über­al­te­rung im länd­li­chen Raum führ­ten zu in­ten­si­ve­rem Be­hand­lungs­auf­wand und stei­gen­dem Be­darf an Ärz­ten und Pfle­ge­per­so­nal. Die Si­tua­tion bei die­sen Fach­kräf­ten sei be­reits heu­te „brenz­lig“, sagt Kath­rein. In Mühl­dorf et­wa sei­en 27 der 45 nie­der­ge­las­se­nen Haus­ärz­te über 60 Jah­re alt. Des­we­gen plä­diert der vbw für zu­sätz­li­che Maß­nah­men der De­re­gu­lie­rung: Nie­der­las­sungs­be­schrän­kun­gen sol­len schritt­wei­se durch ein Recht zur frei­en Be­rufs­aus­übung ab­ge­löst wer­den, te­le­me­di­zi­ni­sche An­wen­dun­gen sol­len Ein­zug hal­ten, eben­so Haus­be­su­che von Kran­ken­pfle­gern und diag­nos­ti­sche Big Da­ta-Tech­no­lo­gien im kli­ni­schen Be­reich.

Di­gi­ta­li­sie­rung und Tou­ris­mus

Dank der seit 2013 lau­fen­den Breit­band­of­fen­si­ve der Staats­re­gie­rung ver­füg­ten in­zwi­schen knapp drei Vier­tel der ober­baye­ri­schen Haus­hal­te über schnel­les In­ter­net mit mehr als 50 Me­ga­bit pro Se­kun­de. Gleich­wohl zeig­ten sich im Mo­bil­funk­be­reich wei­ße Fle­cken: Im Sü­den des Land­krei­ses Alt­öt­ting, im Sü­den des Land­krei­ses Ro­sen­heim so­wie in den Land­krei­sen Traun­stein und Berch­tes­ga­de­ner Land sei­en Te­le­fo­nie oder mo­bi­ler Da­ten­trans­port nur ein­ge­schränkt mög­lich. Des­halb un­ter­stüt­ze die vbw ei­ne er­wei­ter­te, schnel­le „Aus­bau­stra­te­gie“ mit För­de­rung des flä­chen­de­cken­den Glas­fa­ser­aus­baus, des Lü­cken­schlus­ses in den Mo­bil­funk­net­zen und des Aus­baus des 5G-Mo­bil­funk­net­zes.

Tou­ris­ti­sche Al­lein­stel­lungs­merk­ma­le schätz­ten ne­ben den Rei­sen­den auch die Orts­an­säs­si­gen. In Süd­ost­ober­bayern sei­en laut vbw die Tou­ris­mus­re­gio­nen Inn-Salz­ach, Chiem­gau, Chiem­see-Al­pen­land und Berch­tes­ga­de­ner Land „High­lights“. Der flä­chen­de­cken­de ana­lo­ge und di­gi­ta­le In­fra­struk­tur­aus­bau er­hö­he zu­sätz­lich die At­trak­ti­vi­tät des länd­li­chen Rau­mes, för­de­re Wirt­schaft und Tou­ris­mus und bil­de die Grund­la­ge für den Zu­zug der nö­ti­gen Fach­kräf­te. Schluss­fol­ge­rung: Die Po­ten­zia­le des länd­li­chen Rau­mes müss­ten aus­ge­schöpft wer­den.

Wirt­schafts­raum Ro­sen­heim

In Er­gän­zung zur vbw-Ana­ly­se stellt Ober­bür­ger­meis­te­rin Ga­brie­le Bauer her­aus, dass Ro­sen­heims Ein­bin­dung in die Eu­ro­päi­sche Me­tro­pol­re­gion Mün­chen ein ent­schei­den­der Stand­ort­vor­teil sei: „Wir pro­fi­tie­ren von ei­ner Schie­nen­an­bin­dung, die uns schnel­ler zum Ost- oder Haupt­bahn­hof bringt als das von vie­len Hal­te­punk­ten im Mün­che­ner S‑Bahn-Netz aus mög­lich ist.“ Die kreis­freie Stadt kön­ne zu­dem mit flä­chen­de­cken­dem Breit­band punk­ten, das mit 400 Me­ga­bit und bis zu 10 Gi­ga­bit für Ge­schäfts­kun­den zu den schnell­sten Da­ten­net­zen in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land zähl­te. Kon­ti­nu­ier­li­che In­ves­ti­tio­nen in sämt­li­che kom­mu­na­le und so­zia­le In­fra­struk­tu­ren sei­en „von ent­schei­den­der Be­deu­tung“, so die CSU-Po­li­ti­ke­rin. 


Erstveröffentlichung

Print: Ro­sen­hei­mer blick, Inn­ta­ler blick, Mang­fall­ta­ler blick, Was­ser­bur­ger blick, 31. Jg., Nr. 25/2018, Sams­tag, 23. Ju­ni 2018, S. 1/5, Ko­lum­ne „Leit­ar­ti­kel“ [165/3/2/11; ein Fo­to]; Inn-Salz­ach blick, 10. Jg., Nr. 25/2018, Sams­tag, 23. Ju­ni 2018, S. 1/5, Ko­lum­ne „Leit­ar­ti­kel“ [150/5/2/11; ein Fo­to].
Online: ⭱ blick-punkt.com, Mitt­woch, 20. Ju­ni 2018; ⭱ E‑Paper Ro­sen­hei­mer blick, ⭱ E‑Paper Inn­ta­ler blick, ⭱ E‑Paper Mang­fall­ta­ler blick, ⭱ E‑Paper Was­ser­bur­ger blick, ⭱ E‑Paper Inn-Salz­ach blick, Sams­tag, 23. Ju­ni 2018.
 

Dr. Olaf Konstantin Krueger M.A.

Digitaljournalist – Digitalpolitiker

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