Respekt-Rente versus Grundrente
Kommt die Mindestrente?

Ber­lin — Fin­ger­ha­keln in der Gro­ßen Ko­a­li­tion: Bun­des­ar­beits­mi­nis­ter Hu­ber­tus Heil (SPD) hat An­fang Fe­bruar ein Kon­zept für die von CDU/CSU und SPD ver­ein­bar­te „Grund­ren­te“ vor­ge­legt – und ern­tet seit­dem mas­si­ve Ge­gen­wehr. Geht es nach Heil, soll die Ren­te von et­wa vier Mil­lio­nen ehe­ma­li­gen Ge­ring­ver­die­nern ab dem 1. Ja­nu­ar 2021 mit rund fünf Mil­liar­den Eu­ro jähr­lich steuer­fi­nan­ziert auf­ge­stockt wer­den: um bis zu 447 Eu­ro mo­nat­lich, oh­ne Be­dürf­tig­keits­prü­fung. „Sehr vie­le Men­schen, die ihr Le­ben lang ge­ar­bei­tet ha­ben, lan­den we­gen ih­rer nie­dri­gen Löh­ne als Rent­ner in der Grund­si­che­rung. Das will ich än­dern“, be­grün­det der So­zial­de­mo­krat sei­ne Vor­stel­lung von ei­ner „Res­pekt-Ren­te“. Die­se geht je­doch über das im Ko­a­li­tions­ver­trag Fest­ge­leg­te hi­naus: Schwarz-Rot hat­te ver­ein­bart, mit­tels Grund­ren­te Le­bens­leis­tung zu „ho­no­rie­ren“ und Al­ters­ar­mut zu be­kämp­fen, in­dem ein Al­ters­ein­kom­men zehn Pro­zent ober­halb der Grund­si­che­rung ga­ran­tiert wür­de. Er­hal­ten soll­ten die neue Grund­ren­te be­ste­hen­de und zu­künf­ti­ge Grund­si­che­rungs­be­zie­her, die min­des­tens 35 Jah­re an Bei­trags­zei­ten oder Zei­ten der Kin­der­er­zie­hung res­pek­ti­ve Pfle­ge­zei­ten auf­wei­sen kön­nen. Wei­te­re Ein­schrän­kung: ei­ne Be­dürf­tig­keits­prü­fung. Union und Wirt­schaft lau­fen nun Sturm ge­gen Heils „Res­pekt-Ren­te“. „Ich schlie­ße aus, dass die Union ei­ner Grund­ren­te zu­stimmt, die oh­ne je­de Form der Be­dürf­tig­keits­prü­fung aus­kommt. Das ist auch ei­ne Fra­ge der Leis­tungs­ge­rech­tig­keit“, be­grün­det bei­spiels­wei­se die CDU-Vor­sit­zen­de An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bauer die Ab­leh­nung ih­rer Par­tei. Das zu lö­sen­de Pro­blem ist je­doch kom­ple­xer.

Wie­der ein­mal be­stä­tigt sich, dass die SPD al­lei­ne mit So­zial­po­li­tik oder Um­ver­tei­lungs­the­men kei­ne Wah­len ge­win­nen oder ver­lo­ren ge­gan­ge­ne Wäh­ler aus der po­li­ti­schen und ge­sell­schaft­li­chen Mit­te zu­rück­ge­win­nen kann“, er­läu­tert Prof. Man­fred Güll­ner. Er ist be­kann­tes SPD-Mit­glied so­wie Grün­der und Ge­schäfts­füh­rer der „Forsa Ge­sell­schaft für So­zial­for­schung und sta­tis­ti­sche Ana­ly­sen mbH“, ei­nem der füh­ren­den Markt- und Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tu­te Deutsch­lands. Der leich­te Auf­trieb der So­zial­de­mo­kra­ten um ei­nen Pro­zent­punkt in den Mei­nungs­um­fra­gen hielt nach Heils Vor­stoß nur ei­ne Wo­che. In­zwi­schen ta­xiert Forsa die SPD wie­der bei 16 Pro­zent bun­des­weit. Bei der Bun­des­tags­wahl 2017 hat­te die Par­tei noch 20,5 Pro­zent er­hal­ten, bil­de­te nach an­fäng­li­chem Zau­dern die ak­tu­el­le Bun­des­re­gie­rung mit der Union und stellt seit­dem sechs der 15 Mi­nis­ter im Ka­bi­nett „Mer­kel IV“.

Die ak­tu­el­le De­bat­te um die Grund­ren­te mit Blick auf Wahl­chan­cen zu be­trach­ten, liegt an­ge­sichts der be­vor­ste­hen­den 14 Ur­nen­gän­ge auf der Hand: am 26. Mai die Wahl zum Eu­ro­päi­schen Par­la­ment, die Bür­ger­schafts­wahl in Bre­men, die Be­zirks­ver­samm­lungs­wah­len in Ham­burg so­wie die Kom­mu­nal­wah­len in Ba­den-Würt­tem­berg, Bran­den­burg, Meck­len­burg-Vor­pom­mern, Rhein­land-Pfalz, Sach­sen, Sach­sen-An­halt, Thü­rin­gen und im Saar­land, am 1. Sep­tem­ber die Land­tags­wah­len in Bran­den­burg und Sach­sen so­wie am 27. Ok­to­ber die Land­tags­wahl in Thü­rin­gen. Die Wahl­be­rech­tig­ten be­stim­men die Par­la­men­te für fünf Jah­re (die Bre­mer Bür­ger­schaft für vier). Ren­ten­pro­ble­me, ge­rin­ge­re Al­ters­ren­te so­wie Al­ters­ar­mut bis weit in die Mit­tel­schicht wur­den schon wäh­rend des Bun­des­tags­wahl­kamp­fes 2017 und in den Land­tags­wahl­kämp­fen in Bayern und Hes­sen 2018 kaum the­ma­ti­siert, ob­gleich die Re­form der ge­setz­li­chen Ren­te das Ren­ten­ni­veau in Re­la­tion zu den Er­werbs­ein­kom­men ge­senkt hat. An­lass: Die schrump­fen­de Zahl von Bei­trags­zah­lern muss der stei­gen­den Zahl von Ren­ten­be­zie­hern Rech­nung tra­gen.

Je­mand, der Jahr­zehn­te lang hart ge­ar­bei­tet hat, hat das Recht,
deut­lich mehr zu be­kom­men als je­mand, der nicht ge­ar­bei­tet hat.
Das ist ei­ne Fra­ge des Res­pekts vor Le­bens­leis­tung.
Hu­ber­tus Heil (SPD), Bun­des­mi­nis­ter für Ar­beit und So­zia­les im Ka­bi­nett Mer­kel IV

Jün­ge­re Rent­ner be­wer­ten ih­re fi­nan­ziel­le Si­tu­a­tion im Ver­gleich zu den über 80-Jäh­ri­gen als deut­lich schlech­ter, be­sagt ei­ne ak­tu­el­le Kan­tar-Emnid-Um­fra­ge im Auf­trag der Post­bank: Fast je­der zwei­te 50- bis 65-jäh­­ri­ge Rent­ner (46 Pro­zent) und je­der drit­te 66- bis 79-jäh­­ri­ge Rent­ner (34 Pro­zent) hält sei­ne der­zei­ti­ge fi­nan­ziel­le Si­tu­a­tion für schlech­ter, als er vor Ren­ten­ein­tritt er­war­tet hat. Bei den über 80-jäh­­ri­gen Rent­nern ist hin­ge­gen nur je­der Sieb­te (14 Pro­zent) er­nüch­tert. Grund: Vor al­lem jün­ge­re Rent­ner ha­ben die Hö­he ih­rer spä­te­ren Al­ters­be­zü­ge falsch ein­ge­schätzt.

Die der­zei­ti­ge De­bat­te um die Grund­ren­te nun auf Pro­fi­lie­rungs­sucht und Wahl­stra­te­gie der SPD zu ver­en­gen, lenkt eher von den of­fen sicht­ba­ren He­raus­for­de­run­gen ab. Pre­kär Be­schäf­tig­te und Lang­zeit­ar­beits­lo­se, strau­cheln­de Al­lein­er­zie­hen­de, über­las­te­te pfle­gen­de Er­werbs­tä­ti­ge, fi­nanz­schwa­che Bun­des­bür­ger, über­schul­de­te Ver­brau­cher, bet­teln­de Ob­dach­lo­se, Pfand­fla­schen sam­meln­de Rent­ner und stei­gen­de „Kun­den­zah­len“ bei den Ta­feln – sie kon­ter­ka­rie­ren die ro­man­ti­sche Vor­stel­lung von ei­nem wirt­schaft­lich pros­pe­rie­ren­den Land, in dem man gut und ger­ne le­be. Dies ver­deut­li­chen sie­ben ak­tu­el­le As­pek­te.

So­zia­les Kon­flikt­po­ten­zial

As­pekt eins: Das Sys­tem der Deut­schen Ren­ten­ver­si­che­rung ist auf lang­jäh­ri­ge Bei­trags­zei­ten aus­ge­legt. Zu deut­lich nie­dri­ge­ren Ren­ten­an­sprü­chen füh­ren: ei­ne lan­ge Aus­bil­dungs­zeit bei ana­lo­ger Kür­zung oder Strei­chung ih­rer An­re­chen­bar­keit, der An­stieg des Er­werbs­ein­stiegs­al­ters, feh­len­de Zei­ten in so­zial­ver­si­che­rungs­pflich­ti­ger Be­schäf­ti­gung, aty­pi­sche Be­schäf­ti­gungs­for­men wie Zeit­ar­beit, Teil­zeit und be­fris­te­tet Be­schäf­ti­gung, ei­ne „dis­kon­ti­nu­ier­li­che Er­werbs­bio­gra­fie“, die Ku­mu­la­tion von Ar­beits­lo­sig­keit im Er­werbs­ver­lauf so­wie ein pre­kä­rer Al­ters­über­gang bei an­sons­ten sta­bi­ler Er­werbs­bio­gra­fie.
As­pekt zwei: In der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land le­ben im­mer mehr Al­lein­er­zie­hen­de – teils in pre­kä­ren fi­nan­ziel­len Ver­hält­nis­sen. Im ver­gan­ge­nen Jahr zähl­te das Sta­tis­ti­sche Bun­des­amt ins­ge­samt 1,5 Mil­lio­nen Müt­ter und Vä­ter, die rund 2,4 Mil­lio­nen Kin­der al­lei­ne er­zie­hen. In je­dem fünf­ten Fa­mi­lien­haus­halt lebt nur ein El­tern­teil, in neun von zehn Fäl­len han­delt es sich um ei­ne al­lein­er­zie­hen­de Mut­ter. Ihr Ar­muts­ri­si­ko liegt über dem Be­völ­ke­rungs­durch­schnitt.
As­pekt drei: Laut Pfle­ge­re­port 2018 der Bar­mer Er­satz­kas­se gibt es rund 2,5 Mil­lio­nen pfle­gen­de An­ge­hö­ri­ge, da­run­ter 1,65 Mil­lio­nen Frauen. Bei 85 Pro­zent be­stimmt die Pfle­ge den Ta­ges­ab­lauf, die Hälf­te der Be­trof­fe­nen küm­mert sich täg­lich mehr als zwölf Stun­den um pfle­ge­be­dürf­ti­ge An­ge­hö­ri­ge. Le­dig­lich ein Drit­tel al­ler Be­trof­fe­nen geht ar­bei­ten, je­der Vier­te hat sei­ne Ar­beit auf­grund der Pfle­ge re­du­ziert oder ganz auf­ge­ben müs­sen.
As­pekt vier: Fast ein Drit­tel der Deut­schen kann we­gen ge­rin­gen Ver­diens­tes kei­ne Rück­la­gen für An­schaf­fun­gen oder Not­fäl­le bil­den. Laut ei­ner re­prä­sen­ta­ti­ven Um­fra­ge der ING Deutsch­land in 13 eu­ro­pä­i­schen Län­dern so­wie Aus­tra­lien und den USA im Ok­to­ber 2018 ver­fü­gen 31 Pro­zent der bun­des­deut­schen Haus­hal­te über kei­ner­lei fi­nan­ziel­le Re­ser­ven – ei­ne Ver­schlech­te­rung zur Um­fra­ge 2017 um vier Pro­zent. 63 Pro­zent der Be­frag­ten oh­ne Er­spar­nis­se nennt als Grund, zu we­nig zu ver­die­nen. Nur elf Pro­zent der Be­frag­ten hal­ten das staat­li­che Ren­ten­sys­tem in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land für aus­rei­chend.
As­pekt fünf: Die Ar­beits­lo­sig­keit liegt zwar ak­tu­ell auf dem nie­drigs­ten Stand seit der Wie­der­ver­ei­ni­gung, doch die Zahl über­schul­de­ter Ver­brau­cher steigt – al­lein in den letz­ten zwölf Mo­na­ten um et­wa 19.000 auf nun rund 6,93 Mil­lio­nen Über­schul­dungs­fäl­le. Die Über­schul­dungs­quo­te liegt laut Schuld­nerAt­las Deutsch­land 2018 mit gleich­blei­bend 10,04 Pro­zent über der Zehn-Pro­zent-Mar­ke, oh­ne Aus­sicht da­rauf, dass die Über­schul­dungs­zah­len sin­ken.
As­pekt sechs: Im ver­gan­ge­nen Jahr sind so­wohl die Neu­ver­trags­mie­ten für Woh­nun­gen als auch die Kauf­prei­se für Ei­gen­tums­woh­nun­gen wei­ter ge­stie­gen – für Miet­woh­nun­gen im drit­ten Quar­tal 2018 um 3,9 Pro­zent, für Ei­gen­tums­woh­nun­gen um 8,2 Pro­zent. „Die An­stie­ge sind das Er­geb­nis ei­nes wei­ter­hin zu knap­pen Woh­nungs­an­ge­bots“, er­klärt Dr. An­dreas Matt­ner, Prä­si­dent des „ZIA Zen­tra­ler Im­mo­bi­lien Aus­schuss e. V.“, Spit­zen­ver­band der Im­mo­bi­lien­wirt­schaft. An­ge­bots­sei­ti­ge Ka­pa­zi­täts­ein­schrän­kun­gen und feh­len­des Bau­land wür­den dem Früh­jahrs­gut­ach­ten 2019 zu­fol­ge den „Nach­fra­ge­über­hang“ vor al­lem in Bal­lungs­räu­men zu­se­hends ver­grö­ßern.
As­pekt sie­ben: Rund 550.000 Rent­ner ver­die­nen sich durch das Sam­meln von Pfand­fla­schen ein paar Eu­ro zur kar­gen Ren­te hin­zu. Bun­des­weit ver­sor­gen rund 940 Ta­feln mit et­wa 60.000 eh­ren­amt­li­chen Hel­fe­rin­nen und Hel­fern in mehr als 2.100 Ta­fel-Lä­den und Aus­ga­be­stel­len re­gel­mä­ßig bis zu 1,5 Mil­lio­nen Be­dürf­ti­ge. 23 Pro­zent der „Kun­den“ sind Kin­der und Ju­gend­li­che, 53 Pro­zent Er­wach­se­ne im er­werbs­fä­hi­gen Al­ter – vor al­lem Ar­beits­lo­sen­geld II- und So­zial­geld-Emp­fän­ger, Spät­aus­sied­ler und Zu­wan­de­rer –, 24 Pro­zent sind Rent­ner.

So­zial­aus­ga­ben stei­gern und gleich­zei­tig Steuern er­hö­hen?
Das ist ei­ne to­xi­sche Kom­bi­na­tion.
Mar­kus Sö­der (CSU), Mi­nis­ter­prä­si­dent des Frei­staa­tes Bayern

Ins­ge­samt wächst der An­teil je­ner, die nach ei­nem lan­gen Ar­beits­le­ben mit nie­dri­gen Löh­nen als Rent­ner in der Grund­si­che­rung, al­so der So­zial­hil­fe en­den. Jüngs­ten Da­ten des Sta­tis­ti­schen Bun­des­am­tes zu­fol­ge be­ka­men En­de 2017 be­reits rund 544.000 Men­schen Grund­si­che­rung im Al­ter. Geht es nach Heil, sol­len künf­tig klei­ne Ren­ten per Zu­schlag er­höht wer­den, au­to­ma­tisch be­rech­net durch die Ren­ten­ver­si­che­rung, und zwar oh­ne ge­son­der­te Prü­fung der Be­dürf­tig­keit wie beim ALG II – um­gangs­sprach­lich: Hartz IV –, da „re­spekt­los“. Vor­aus­set­zung: min­des­tens 35 Jah­re Ein­zah­lung in die Ren­ten­kas­se. Teil­zeit, Kin­der­er­zie­hungs- und Pfle­ge­zei­ten zäh­len mit, Mi­ni­jobs rei­chen nicht. Faust­for­mel: Wer nach 35 Bei­trags­jah­ren we­ni­ger als 896 Eu­ro Ren­te hat, er­hält ei­nen Zu­schlag. Be­schäf­tig­te, die aus­schließ­lich Min­dest­lohn ver­dien­ten, sol­len die ma­xi­ma­le Auf­wer­tung von 447 Eu­ro er­hal­ten. Dem Bun­des­mi­nis­ter geht es er­klär­ter­ma­ßen um ein Mehr an „so­zia­ler Ge­rech­tig­keit“ nach lan­ger Bei­trags­zah­lung. Un­ter den sol­cher­wei­se bis zu vier Mil­lio­nen Be­trof­fe­nen sind et­wa drei Vier­tel Frauen und vie­le Be­schäf­tig­te in den neu­en Bun­des­län­dern, wo Nie­drig­löh­ne ver­brei­tet sind. Wich­tigs­ter Für­spre­cher im Ka­bi­nett „Merkel IV“ ist Vi­ze­kanz­ler und Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter Olaf Scholz (SPD).

Res­pekt-Ren­te“: Pro und Kon­tra

Der Über­schuss von Bund, Län­dern, Kom­mu­nen und So­zial­kas­sen sum­mier­te sich 2018 auf 58 Mil­liar­den Eu­ro – ein Re­kord­wert für die größ­te Volks­wirt­schaft der Eu­ro­pä­i­schen Union. Auch wenn han­dels­po­li­ti­sche Un­wäg­bar­kei­ten, kon­junk­tu­rel­le Ab­küh­lung und un­kal­ku­lier­ba­rer Bre­xit die ex­port­orien­tier­te bun­des­deut­sche Wirt­schaft be­las­te­ten, so we­cke die schein­bar ent­spann­te Haus­halts­la­ge wohl Be­gehr­lich­kei­ten, mut­ma­ßen Heils Geg­ner und ver­wei­sen da­bei auf das dro­hen­de 25-Mil­liar­den-Eu­ro-Loch im Haus­halt bis 2023. Wer­de schlicht der Kreis der Grund­ren­ten-Be­rech­tig­ten wie im Ko­a­li­tions­ver­trag fest­ge­schrie­ben über ei­ne Be­dürf­tig­keits­prü­fung be­grenzt, er­hiel­ten nur noch rund 130.000 Per­so­nen den Zu­schlag, was im Hand­um­dre­hen 4,8 Mil­liar­den Eu­ro jähr­lich spar­te. Oh­ne Be­gren­zung hin­ge­gen pro­fi­tier­ten auch Be­schäf­tig­te, die nicht auf Un­ter­stüt­zung an­ge­wie­sen sei­en, weil bei­spiels­wei­se ihr Part­ner ei­ne gu­te Ren­te er­hält oder sie über zu­sätz­li­che Ein­künf­te ver­fü­gen. So sol­len nach An­ga­ben der Bun­des­re­gie­rung 57 Pro­zent al­ler Rent­ner­ehe­paa­re ne­ben der ge­setz­li­chen Ren­te über zu­sätz­li­che Ein­künf­te ver­fü­gen, im Schnitt 1.175 Eu­ro mo­nat­lich. Je­des drit­te Rent­ner­paar und je­der vier­te Al­lein­ste­hen­de ha­be Zins­ein­künf­te, je­des sechs­te Rent­ner­paar zu­dem Miet­ein­nah­men.

Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­ter Pe­ter Alt­maier (CDU) pocht des­halb auf die im Ko­a­li­tions­ver­trag ver­ein­bar­te Be­din­gung, dass nur wirk­lich Be­dürf­ti­ge ei­ne Grund­ren­te er­hal­ten. „Für je­man­den mit viel Geld stellt sich die La­ge an­ders dar als für ei­ne Wit­we mit ei­nem klei­nen Häus­chen, das sie den Kin­dern ver­erbt. Des­halb ist die Be­dürf­tig­keits­prü­fung bei der Grund­ren­te ele­men­tar“, er­klärt Alt­maier. Da­bei sieht der Ko­a­li­tions­ver­trag vor, die Grund­ren­te durch die Ren­ten­ver­si­che­rung ab­wi­ckeln zu las­sen. Bei der Be­dürf­tig­keits­prü­fung sol­le die Ren­ten­ver­si­che­rung mit den Grund­si­che­rungs­äm­tern zu­sam­men­ar­bei­ten. Al­ler­dings ist der Ren­ten­ver­si­che­rung je­de Be­dürf­tig­keits­prü­fung fremd.

Wer im­mer neue zu­sätz­li­che staat­li­che Aus­ga­ben ein­for­dert,
an­statt die Steuer­zah­ler zu ent­las­ten, der setzt kei­ne Prio­ri­tä­ten,
son­dern ver­schiebt wei­ter den Ver­ant­wor­tungs-Maß­stab.
Alexan­der Do­brindt (CSU), Vor­sit­zen­der der CSU-Lan­des­grup­pe im Deut­schen Bun­des­tag

CSU-Vor­sit­zen­der Mar­kus Sö­der maß­re­gelt die Plä­ne der SPD zu­dem als „nicht fi­nan­zier­bar“, ein tra­dier­ter Vor­wurf an Lin­ke: „Wir ver­han­deln kei­nen neu­en Ko­a­li­tions­ver­trag. Na­tür­lich re­den wir mit­ein­an­der, aber es darf kei­nen ide­o­lo­gi­schen Links­ruck der Re­gie­rung ge­ben.“ Schär­fer for­mu­liert CSU-Lan­des­grup­pen­chef Alexan­der Do­brindt sei­ne Kri­tik, in­dem er der SPD „Hartz IV-Trau­ma­be­wäl­ti­gung“ vor­wirft, für die es in der Ber­li­ner Ko­a­li­tion kei­ne Ar­beits­grund­la­ge ge­be. „Der ei­ne oder an­de­re scheint vom lin­ken Af­fen ge­bis­sen zu sein“, spe­ku­liert der CSU-Po­li­ti­ker.

Res­pekt-Ren­te“: „res­pekt­los“

Ge­gen­wehr kommt auch aus der Wirt­schaft. Laut ei­ner Stu­die vom ar­beit­ge­ber­na­hen „In­sti­tut der deut­schen Wirt­schaft Köln e. V. (IW)“ wür­den rund 2,8 Mil­lio­nen Er­werbs­min­de­rungs- und Al­ters­rent­ner von Heils „Res­pekt-Ren­te“ pro­fi­tie­ren. Wei­te­ren 3,2 Mil­lio­nen Rent­nern fehl­te da­zu aber min­des­tens ein Bei­trags­jahr. Die Be­dürf­tig­keits­prü­fung sei an­sons­ten kein „Übel, mit dem An­spruchs­be­rech­tig­te ge­gän­gelt wer­den sol­len, son­dern not­wen­dig, um den Steuer­zah­ler vor un­be­rech­tig­ter In­an­spruch­nah­me zu schüt­zen“. In­go Kra­mer, Prä­si­dent der „Bun­des­ver­ei­ni­gung der Deut­schen Ar­beit­ge­ber­ver­bän­de e. V. (BDA)“, dem ar­beits- und so­zial­po­li­ti­schen Spit­zen­ver­band der deut­schen Wirt­schaft, warnt zu­dem da­vor, Grund­si­che­rung und Ren­te zu ver­mi­schen, denn die Grund­si­che­rung die­ne der De­ckung des Exis­tenz­mi­ni­mums, falls die Ren­te nicht aus­rei­che. Und nach den Wor­ten von Hand­werks­prä­si­dent Hans Pe­ter Wolls­ei­fer er­rei­che die „Res­pekt-Ren­te“ we­der die Ge­ring­ver­die­ner noch lin­de­re sie Al­ters­ar­mut: „Ich fin­de es res­pekt­los, Ar­beit­ge­bern und Be­schäf­tig­ten, die sich je­den Tag ab­ra­ckern, die Kos­ten auf­zu­bür­den und das Geld mit vol­len Hän­den aus den So­zial­kas­sen zu neh­men, um par­tei­po­li­ti­sche Ver­spre­chun­gen ein­zu­lö­sen“, meint Wolls­ei­fer.

Al­lem zum Trotz hal­ten ei­nem ARD-„Deutsch­land­trend“ zu­fol­ge 67 Pro­zent der Be­frag­ten die Idee ei­ner Grund­ren­te oh­ne Be­dürf­tig­keits­prü­fung für Ge­ring­ver­die­ner für rich­tig. Da­nach se­hen sich auch 53 Pro­zent der Er­werbs­tä­ti­gen als nicht aus­rei­chend für das Ren­ten­al­ter ab­ge­si­chert. Heil will je­den­falls an sei­ner „Res­pekt-Ren­te“ fest­hal­ten, ver­weist auf vie­le po­si­ti­ve Re­ak­tio­nen per E-Mail und Brief so­wie „durch­aus er­mu­ti­gen­de Stim­men“ aus der Union mit dem Te­nor: „Lass Dich nicht ver­un­si­chern und be­ir­ren in Dei­nem Kurs.“ So­gar die star­re Gren­ze von min­des­tens 35 Bei­trags­jah­ren stellt der SPD-Po­li­ti­ker zur Dis­po­si­tion, kann sich „vor­stel­len, dass wir den Über­gang et­was flie­ßen­der ge­stal­ten“, wenn die Ge­samt­fi­nan­zie­rung ge­klärt wä­re. Der­weil könn­te ein Blick über die Gren­ze hilf­reich sein: Ös­ter­reich kennt ei­ne Aus­gleichs­zu­la­ge für Nie­drig­ren­ten – mit Be­dürf­tig­keits­prü­fung hin­sicht­lich des Ein­kom­mens und oh­ne das Ver­mö­gen an­zu­tas­ten. 


Erstveröffentlichung

Print: Ro­sen­hei­mer blick, Inn­ta­ler blick, Mang­fall­ta­ler blick, Was­ser­bur­ger blick, 32. Jg., Nr. 9/2019, Sams­tag, 2. März 2019, S. 1f., Ko­lum­ne „Ti­tel­sei­te“; Inn-Salz­ach blick, 10. Jg., Nr. 9/2019, Sams­tag, 2. März 2019, S. 1f., Ko­lum­ne „Ti­tel­sei­te“ [195/3/1/10].
Online: www.blick-punkt.com, Mitt­woch, 27.  Fe­bru­ar 2019; E-Paper Ro­sen­hei­mer blick, E-Paper Inn­ta­ler blick, E-Paper Mang­fall­ta­ler blick, E-Paper Was­ser­bur­ger blick, E-Paper Inn-Salz­ach blick, Sams­tag, 2. März 2019.
 

Dr. Olaf Konstantin Krueger M.A.

Digitaljournalist – Digitalpolitiker

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