Fridays for Rosenheim-Demos ohne Schulschwänzen
„Lasst uns der Erde helfen!“

Ber­lin/Ro­sen­heim — Das „Kli­ma­ka­bi­nett“ der Bun­des­re­gie­rung hat ei­nen Fahr­plan zur Er­ar­bei­tung von Kli­ma­schutz­maß­nah­men ver­ein­bart: Bis En­de Mai sol­len die zu­stän­di­gen Bun­des­mi­nis­te­rien Vor­schlä­ge für ein Ge­samt­kon­zept bei­steuern mit dem Ziel, bis Jah­res­en­de ge­setz­li­che Re­ge­lun­gen zum Er­rei­chen der Kli­ma­schutz­zie­le 2030 auf den Weg zu brin­gen. Der­weil ge­hen bun­des­weit die Streiks un­ter dem Ban­ner „Fridays for Future“ mit aus­gie­bi­gem Schul­schwän­zen zur „Kli­ma­ret­tung“ wei­ter. Ei­ne Aus­nah­me sind die „Fridays for Ro­sen­heim“-Aware­ness-De­mon­stra­tio­nen. Zwar ha­ben sich die Ro­sen­hei­mer Schü­le­rin­nen und Schü­ler von den „F4F“-Streiks „in­spi­rie­ren und an­ste­cken“ las­sen. Doch dem Vor­wurf, nur den Un­ter­richt schwän­zen zu wol­len, be­geg­nen sie, in­dem ih­re Auf­zü­ge au­ßer­halb der Schul­zeit statt­fin­den. Nach den bei­den Ro­sen­hei­mer De­mon­stra­tio­nen mit hun­der­ten „Öko­be­wuss­ten“ am 15. Fe­bru­ar und 22. März be­rei­ten die jun­gen Kli­ma­be­weg­ten ih­re nächs­te Groß­de­mo pa­ral­lel zum Po­li­tik­be­trieb der Gro­ßen Ko­a­li­tion in Ber­lin vor. Save the Date: Frei­tag, 10. Mai, 14 Uhr, Max-Jo­sefs-Platz, Ro­sen­heim.

Frei­tag, 15. März 2019: Welt­weit fin­den in mehr als 120 Län­dern Pro­test­ak­tio­nen für den Kli­ma­schutz statt. In Eu­ro­pa, Aus­tra­lien, Asien und Af­ri­ka neh­men in über 2.000 Städ­ten hun­dert­tau­sen­de Men­schen an Streiks teil. Deutsch­land­weit de­mon­strie­ren an mehr als 220 Or­ten ins­ge­samt 300.000 Kin­der und Ju­gend­li­che. Ihr po­pu­lä­res Idol: die 16-jäh­­ri­ge schwe­di­sche Kli­ma­schutz­ak­ti­vis­tin mit As­per­ger-Au­tis­mus, Greta Thunberg. De­ren grif­fi­ges Mot­to: „Wir strei­ken, bis Ihr han­delt – Kli­ma­schutz jetzt!“

Der von Thunberg nach der Hit­ze­wel­le 2018 am 20. Au­gust vor dem Par­la­ment in Stock­holm be­gon­ne­ne frei­täg­li­che „Schul­streik für das Kli­ma“ ist zur glo­ba­len Be­we­gung „Fridays for Future“ an­ge­wach­sen. In­zwi­schen blei­ben frei­tags land­auf, land­ab Schü­le­rin­nen und Schü­ler dem Un­ter­richt fern, um für ein bes­se­res Kli­ma zu de­mon­strie­ren. Ih­nen schlie­ßen sich Aus­zu­bil­den­de und Stu­die­ren­de an. In Deutsch­land for­dern sie von der Bun­des­re­gie­rung ent­schlos­se­nes Han­deln ge­gen die von ih­nen wahr­ge­nom­me­ne apo­ka­lyp­ti­sche Kli­ma­kri­se. Kon­kret: die Ein­hal­tung des Pa­ri­ser Kli­ma­ab­kom­mens und des 1,5 Grad-Ziels. In ei­nem sechs­sei­ti­gen „For­de­rungs­pa­pier“ ver­lan­gen die deut­schen F4F-Ver­tre­ter in Ber­lin „ex­pli­zit“ den Koh­le­aus­stieg bis 2030, den völ­li­gen Um­stieg auf er­neuer­ba­re Ener­gien bis 2035 so­wie die Sen­kung der Treib­haus­gas­emis­sio­nen auf Net­to­null bis 2035 an­statt bis 2050. Bis En­de 2019 sol­len die Sub­ven­tio­nen für fos­si­le Ener­gien be­en­det, ein Vier­tel al­ler Koh­le­kraft­wer­ke ab­ge­schal­tet und ei­ne CO₂-Steuer auf al­le Treib­haus­gas­emis­sio­nen ein­ge­führt wer­den.

Schul­streik ge­gen die Apo­ka­lyp­se

Der Frei­staat Bayern hat­te Schul­schwän­zer noch zu Be­ginn der Pfingst­fe­rien 2018 me­dien­wirk­sam vom vor­zei­ti­gen Ab­flug in den Ur­laub ab­ge­hal­ten, denn un­ent­schul­dig­tes Fern­blei­ben vom Schul­un­ter­richt ist kein Ka­va­liers­de­likt, son­dern ei­ne Ord­nungs­wi­drig­keit. Fol­ge: Die El­tern schul­pflich­ti­ger Kin­der wur­den an­ge­zeigt und mit Buß­geld be­legt. Nun hin­ge­gen die jun­gen Kli­ma­ak­ti­vis­ten zu sank­tio­nie­ren, ist um­strit­ten.

Ich selbst bin durch­aus da­für, dass die Flug­ha­fen­po­li­zei im Rah­men ih­rer nor­ma­len Rou­ti­ne­strei­fen vor und nach Ferien auch ver­stärkt Fa­mi­lien mit Kin­dern darauf­hin kon­trol­liert, ob für die­se noch die Schul­be­suchs­pflicht gilt.
Heinz-Peter Meidinger, Prä­si­dent vom „Deut­schen Leh­rer­ver­band (DL)“, 2. Ju­li 2019

Ba­den-Würt­tem­bergs Mi­nis­ter­prä­si­dent Win­fried Kretschmann (Bünd­nis 90/DIE GRÜ­NEN) sieht zwar den mo­ra­li­schen Ap­pell der Schü­ler als ge­recht­fer­tigt und das ein­ma­li­ge Schul­schwän­zen als zi­vi­len Un­ge­hor­sam an. „Nur: Zi­vi­ler Un­ge­hor­sam ist ein sym­bo­li­scher Akt. Das kann kei­ne Dauer­ver­an­stal­tung sein.“ Die Pro­tes­te müss­ten ir­gend­wann en­den, sonst droh­ten Sank­tio­nen. Auch FDP-Bun­des­vor­sit­zen­der Chris­tian Lindner be­steht da­rauf, dass nur au­ßer­halb der Un­ter­richts­zeit de­mon­striert wer­de, denn: „Re­geln sind Re­geln.“

Bleibt nur die Fra­ge nach der Um­set­zung. Bei­spiel Mün­chen: Selbst, wenn das un­ent­schul­dig­te Feh­len von Schü­lern künf­tig am Wil­helm-Hau­sen­stein-Gym­na­sium in Bo­gen­hau­sen nicht nur mit Ver­weis, son­dern mit Buß­geld ge­ahn­det wer­den soll, so schreckt die an­ge­kün­dig­te Sank­tion kaum ab. Denn die F4F-Schü­ler­de­mon­stra­tio­nen wer­den aus­drück­lich vom „Fo­rum Bil­dungs­po­li­tik in Bayern“ be­grüßt. Fo­rums­mit­glie­der sind: der „Baye­ri­sche Leh­rer- und Leh­re­rin­nen­ver­band e. V. (BLLV)“, der „Bund der Deut­schen Ka­tho­li­schen Ju­gend (BDKJ)“ – Dach­ver­band von 17 ka­tho­li­schen Kin­der- und Ju­gend­ver­bän­den so­wie ‑or­ga­ni­sa­tio­nen – und der „Baye­ri­sche Ju­gend­ring KdöR (BJR)“ – die Ar­beits­ge­mein­schaft der Ju­gend­ver­bän­de, ‑ge­mein­schaf­ten und ‑ini­tia­ti­ven in Bayern. Laut der am­tie­ren­den Fo­rums­vor­sit­zen­den Si­mo­ne Fleisch­mann ver­die­nen die F4F-Streiks viel­mehr „Res­pekt und An­er­ken­nung – auch wenn sie wäh­rend der Un­ter­richts­zeit statt­fin­den“.

Und nach An­sicht des Lan­des­vor­sit­zen­den des „Baye­ri­schen El­tern­ver­band e. V. (BEV)“, Martin Löwe, ver­hal­te sich der Baye­ri­sche Staats­mi­nis­ter für Un­ter­richt und Kul­tus, Prof. Dr. Michael Piazolo (Freie Wäh­ler Bayern), so­gar „klug“, wenn er den Schu­len kei­ne Vor­ga­ben ma­che: „Ein Mi­nis­ter kann kraft Am­tes ei­gent­lich nur die Ein­hal­tung der Ge­set­ze for­dern, al­les an­de­re wür­de sei­ne Glaub­wür­dig­keit als Staats­die­ner aus­höh­len.“ In­dem Pia­zo­lo dies jetzt un­ter­las­se, er­öff­ne er den Schu­len „die gro­ße Chan­ce, mit dem Kon­flikt ei­ne gi­gan­ti­sche pä­da­go­gi­sche Ern­te ein­zu­fah­ren“. Da­durch hät­ten die Schu­len die Chan­ce, mit den Schü­lern „die kon­fli­gie­ren­den Rechts­gü­ter und Wer­te“ ab­zu­wä­gen und das Span­nungs­feld um den Ver­stoß ge­gen die Schul­pflicht für ei­ne gu­te Sa­che aus­zu­lo­ten. „Pra­xis­nä­her und emo­tio­na­ler als an­hand die­ser kon­kre­ten Si­tua­tion kann De­mo­kra­tie und Staats­bür­ger­kun­de nicht er­lernt wer­den“, meint Lö­we.

Aus­wir­kun­gen des F4F-Pro­test­ma­ra­thons

Das sol­cher­wei­se ge­deck­te Be­strei­ken des frei­täg­li­chen Schul­un­ter­richts rückt un­ter­des­sen in den Hin­ter­grund an­ge­sichts der po­li­ti­schen Aus­wir­kun­gen. So meint fast je­der Zwei­te (48 Pro­zent) in ei­ner ak­tu­el­len Um­fra­ge des Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tuts YouGov, dass aus den Pro­tes­ten ge­gen die EU-Ur­he­ber­rechts­richt­li­nie und die Kli­ma­kri­se neue ein­fluss­rei­che Ju­gend­be­we­gun­gen ent­ste­hen. Bun­des­kanz­le­rin Dr. Angela Merkel (CDU) be­grüßt das von den F4F-Streiks aus­ge­hen­de Sig­nal im­mer­hin als „für uns gut“. Hei­ko Maas (SPD), in Merkels Ka­bi­nett Bun­des­mi­nis­ter des Aus­wär­ti­gen, mahnt aber auf Twit­ter: „Seit vie­len Wo­chen las­sen uns jun­ge Leu­te bei #Fridaysforfuture alt aus­se­hen. Wir al­le müs­sen uns än­dern. Es geht um un­se­re Exis­tenz. Brau­chen Tem­po bei der Ener­gie­wen­de – welt­weit.“ SPD-Ge­ne­ral­se­kre­tär Lars Klingbeil will des­halb den F4F-Ak­ti­vis­ten „die Hand aus­stre­cken und ge­mein­sam mit ih­nen an ei­ner kli­ma­freund­li­chen Zu­kunft ar­bei­ten.“

Das Neu­tra­li­täts­ge­bot an un­se­ren Schu­len hat ei­nen ho­hen Wert für un­se­ren Rechts­staat und die Zu­kunft un­se­rer De­mo­kra­tie. Wir soll­ten es nicht dem Zeit­geist op­fern.
Heinz-Peter Meidinger, Prä­si­dent vom „Deut­schen Leh­rer­ver­band (DL)“, 7. Ju­ni 2019

Katrin Göring-Eckardt, Frak­tions­vor­sit­zen­de von Bünd­nis 90/DIE GRÜ­NEN im Bun­des­tag, meint in­des, Greta Thunberg, sei „ei­ne sehr ent­schie­de­ne, sehr kun­di­ge, klu­ge jun­ge Frau“, die sie an Pro­phe­ten er­in­ne­re. Kevin Kühnert, Bun­des­vor­sit­zen­der der Jung­so­zia­lis­ten, be­tont eher die Mo­ti­va­tion der F4F-Ak­ti­vis­ten: „Die ge­hen nicht auf die Stra­ße, um Fleiß­bien­chen im Mut­ti­heft zu be­kom­men für be­son­de­res po­li­ti­sches En­ga­ge­ment, son­dern weil sie et­was stört.“ Ei­ne vom Baye­ri­schen Staats­mi­nis­ter für Um­welt und Ver­brau­cher­schutz, Thorsten Glauber (Freie Wäh­ler Bayern), kürz­lich als Re­ak­tion auf die F4F-Streiks baye­ri­scher Schü­ler ein­be­ru­fe­ne Ju­gend­kli­ma­kon­fe­renz er­hielt von den „Teil­neh­mer*in­nen“ je­doch nur die Schul­no­te „be­frie­di­gend mi­nus“: Ei­ni­ge hiel­ten die Kon­fe­renz für ei­ne „gro­ße Chan­ce“, an­de­re für ei­ne „rei­ne PR-Maß­nah­me“, wo „nur Dis­kus­sio­nen ge­führt wur­den, die bei Fridays for Future im­mer wie­der ge­führt wur­den und Bit­ten for­mu­liert, die es vor­her schon gab“.

Die „Fri­days for Ro­sen­heim“-Kli­ma­be­weg­ten blei­ben zu­ver­sicht­lich. „Wir be­we­gen uns hoch von der Couch und et­was für die Zu­kunft“, las­sen sie auf ih­rer Web­site www.fridaysforrosenheim.de wis­sen. Ih­re drit­te Groß­de­mon­stra­tion am 10. Mai ist be­reits in Vor­be­rei­tung: Lau­ter Pro­test, Ver­klei­dung und De­mo­schil­der sind er­wünscht, Ge­walt, Ver­mum­mung und Al­ko­hol un­ter­sagt. Mehr In­for­ma­tion, Vi­deos, Sel­fies und Me­dien­bei­trä­ge sind auch ab­ruf­bar auf der Face­book-Sei­te /fridaysforrosenheim. 


Erstveröffentlichung

Print: Ro­sen­hei­mer blick, Inn­ta­ler blick, Mang­fall­ta­ler blick, Was­ser­bur­ger blick, 32. Jg., Nr. 15/2019, Sams­tag, 13. April 2019, S. 1f., Ko­lum­ne „Leit­ar­ti­kel“ (Kurz­fas­sung) [198/3/1/10]; Inn-Salz­ach blick, 10. Jg., Nr. 15/2019, Sams­tag, 30. März 2019, S. 1f., Ko­lum­ne „Leit­ar­ti­kel“ (Kurz­fas­sung) [198/3/1/10].
Online: blick-punkt.com, Mitt­woch, 10. April 2019; E‑Paper Ro­sen­hei­mer blick, E‑Paper Inn­ta­ler blick, E‑Paper Mang­fall­ta­ler blick, E‑Paper Was­ser­bur­ger blick, E‑Paper Inn-Salz­ach blick, Sams­tag, 13. April 2019.
 

Dr. Olaf Konstantin Krueger M.A.

Digitaljournalist – Digitalpolitiker

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