Geschäftsöffnung an Heiligabend
Mehrheit für Einkaufsverzicht

Stress­frei Shopping ge­hen: In Deutsch­land wird Ein­kau­fen als traum­haf­tes Er­leb­nis ins­ze­niert – ze­le­briert als Kom­bi­na­tion ent­spann­ten Shop­pings und qua­li­täts­be­ton­ten Frei­zeit­ver­gnü­gens in op­tisch an­spre­chen­den Ein­kaufs­straßen, schi­cken Malls und ele­gan­ten Kauf­häu­sern. Ver­län­ger­te La­den­öf­fnungs­zei­ten, Late-Night-Shop­ping, ver­kaufs­of­fe­ne Sonn­ta­ge – sie ge­hö­ren zum Life­style hip­per Sing­les und agi­ler Fa­milies, sie stei­gern die Kauf­lau­ne und be­le­ben die In­nen­städ­te, sie kur­beln den Ein­zel­han­del an und för­dern die Glo­ba­li­sie­rung. Doch weil die­ses Jahr Hei­lig­abend auf ei­nen Sonn­tag fällt, sol­len die La­den­tü­ren zum Fi­na­le der um­satz­star­ken Weih­nachts­wo­che am 24. De­zem­ber ge­schlos­sen blei­ben – den Ar­beit­neh­mern zu­lie­be. Jetzt ist um den La­den­schluss ein Streit ent­brannt.

Die Ge­werk­schaft ver.di ruft Ver­brau­cher zum Ein­kaufs­ver­zicht an Hei­lig­abend auf – Ein­zel­händ­ler, die ih­re La­den­tü­ren am 24. De­zem­ber öff­nen, sol­len an die­sem Sonn­tag boy­kot­tiert wer­den: Ihr Ver­hal­ten sei „un­glaub­lich zy­nisch“, meint ver.di-Bun­des­vor­stands­mit­glied Ste­fa­nie Nut­zen­ber­ger, denn auch die Ver­käu­fer woll­ten sich „wie je­der an­de­re auf das Weih­nachts­fest vor­be­rei­ten und ge­mein­sam mit ih­ren Fa­mi­lien fei­ern“. Da sich die Ein­zel­han­dels­be­schäf­tig­ten kaum ge­gen die Ar­beit an Hei­lig­abend weh­ren könn­ten, soll­ten die Ver­brau­cher ih­rer­seits Last-Mi­nute-Weih­nachts­ein­käu­fe ver­mei­den, so der Ta­rif­ko­or­di­na­tor Ein­zel­han­del bei ver.di, Or­han Ak­man.

Wir müs­sen das Personal nicht mit Waffengewalt zur Arbeit zwin­gen, 
denn es wer­den ho­he Zulagen ge­zahlt.
Vier ver­kaufs­of­fe­ne Sonntage be­deu­ten nicht den Untergang des Abendlandes.
Bernd Ohlmann, Sprecher des Handelsverbands Bayern

Tat­säch­lich be­für­wor­tet die über­wie­gen­de Mehr­heit der Deut­schen solch ei­nen Ein­kaufs­ver­zicht: So sind 87,2 Pro­zent der Mei­nung, dass die­ses Jahr die Ge­schäf­te an Hei­lig­abend nicht ge­öff­net sein soll­ten, 10,3 Pro­zent der Be­frag­ten sind für die Öff­nung an die­sem Sonn­tag und 1,5 Pro­zent in die­ser Fra­ge un­ent­schie­den. Die re­prä­sen­ta­ti­ve Um­fra­ge des Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tuts Ci­vey im Auf­trag der WELT stellt zu­dem fest, dass mehr Frauen (91 Pro­zent) als Män­ner (83,9 Pro­zent) ei­ne Öff­nung ab­leh­nen. Bei al­len Par­tei­an­hän­gern ist oben­drein die gro­ße Mehr­heit da­für, die Ge­schäf­te die­ses Jahr an Hei­lig­abend ge­schlos­sen zu hal­ten: SPD 91,2 Pro­zent, LINKE 88,7 Pro­zent, CDU/CSU 88 Pro­zent, Bünd­nis 90/DIE GRÜ­NEN 86,2 Pro­zent, AfD 85,6 Pro­zent und FDP 81,1 Pro­zent. Um­ge­kehrt ist der An­teil der Be­für­wor­ter ei­ner Öff­nung un­ter den FDP-An­hän­gern am höchs­ten (15,4 Pro­zent) und bei je­nen der SPD am nie­drigs­ten (sie­ben Pro­zent).

Ta­rif­li­che Re­ge­lun­gen

Nach ei­ge­nem Be­kun­den hat ver.di er­reicht, dass Hei­lig­abend und Sil­ves­ter grund­sätz­lich ganz­tags ar­beits­freie Ta­ge sei­en: Ta­rif­lich sind bei­de Ta­ge so zu be­zah­len, als hät­ten die Be­schäf­tig­ten re­gu­lär ge­ar­bei­tet. Wer aus dienst­li­chen Grün­den am 24. De­zem­ber nicht frei­ge­stellt wer­den kann, dem wird an ei­nem an­de­ren Tag ei­ne Ar­beits­be­freiung er­teilt, sonst ist ein Zeit­zu­schlag in Hö­he von 100 Pro­zent zu zah­len. Glei­ches gilt für den 31. De­zem­ber, wo­bei hier die Frei­stel­lung zwin­gend ist und nicht ab­ge­gol­ten wer­den kann. Wer in Schicht oder Wech­sel­schicht ar­bei­tet, be­kommt nach Mög­lich­keit an Hei­lig­abend und Sil­ves­ter frei.

Die Re­ge­lung der La­den­schluss­zei­ten ist Sa­che der Bun­des­län­der: In ein­zel­nen ist die zeit­lich be­fris­te­te Öff­nung an Hei­lig­abend zu­läs­sig, so­fern vor al­lem Le­bens- und Ge­nuss­mit­tel im An­ge­bot sind. Ak­tuell dür­fen Ge­schäf­te mon­tags bis sams­tags von 6 Uhr bis 20 Uhr öff­nen. Aus den Rei­hen der Freien Wäh­ler in Bayern kommt in­des­sen von Land­tags­ab­ge­ord­ne­ter Mi­chael Pia­zo­lo der Vor­schlag ei­ner „maß­vol­len An­pas­sung“, wo­nach Ge­schäf­ten werk­tags bis 22 Uhr er­laubt wer­den sol­le zu öff­nen. Un­ter­stüt­zung da­für sig­na­li­sie­ren FDP und Bünd­nis­grü­ne, SPD und CSU se­hen hin­ge­gen kei­nen Be­darf. Der­weil kön­nen auch in Bayern man­che Ge­schäf­te an Hei­lig­abend bis 14 Uhr öff­nen, selbst wenn der 24. De­zem­ber auf ei­nen Sonn­tag fällt: Für Blu­men­lä­den, Christ­baum-Ver­käu­fer und Su­per­märk­te be­steht ei­ne Son­der­re­ge­lung.

Ei­ni­ge Dis­coun­ter sind ge­öff­net

Der Han­dels­kon­zern Al­di wird je­den­falls sei­ne Fi­lia­len bun­des­weit ge­schlos­sen hal­ten: „Am Hei­lig­abend den­ken wir hier vor al­lem an un­se­re Mit­ar­bei­ter­in­nen und Mit­ar­bei­ter, die nach ei­ner lan­gen, in­ten­si­ven Wo­che in Ru­he das Weih­nachts­fest be­ge­hen sol­len“, be­grün­det Al­di sei­ne Ent­schei­dung. Lidl lässt sei­ne Tü­ren am 24. De­zem­ber eben­falls ver­schlos­sen, ob­wohl Son­der­re­ge­lun­gen ei­ne Öff­nung er­mög­li­chen: „Un­se­re Mit­ar­bei­ter leis­ten tag­täg­lich her­vor­ra­gen­de Ar­beit. An Hei­lig­abend sol­len sie ei­ne ent­spann­te Zeit im Krei­se ih­rer Liebs­ten ver­brin­gen dür­fen“, er­klärt Ma­rin Do­kozic, Ge­schäfts­lei­tungs­vor­sit­zen­der von Lidl Deutsch­land. Bei Rewe blei­ben von den mehr als 5.000 Su­per­märk­ten der Ket­ten Rewe und Penny die Fi­lial­märk­te ge­schlos­sen, wo­bei die rund 1.200 selbst­stän­di­gen Kauf­leu­te im Rewe-Netz frei über ih­re Öff­nungs­zei­ten ent­schei­den kön­nen. Ähn­lich sieht es beim Markt­füh­rer Edeka aus, bei dem die Mehr­zahl der Märk­te von Selbst­stän­di­gen ge­führt wird. 


Erstveröffentlichung

Print: Ro­sen­hei­mer blick, Inn­ta­ler blick, Mang­fall­ta­ler blick, Was­ser­bur­ger blick, 31. Jg., Nr. 45/2017, Sams­tag, 11. No­vem­ber 2017, S. 1f., Ko­lum­ne „Leit­ar­ti­kel“; Inn-Salz­ach blick, 10. Jg., Nr. 45/2017, Sams­tag, 11. No­vem­ber 2017, S. 1f., Ko­lum­ne „Leit­ar­ti­kel“ [135/3/ – /8].
Online: ⭱ blick-punkt.com, Sams­tag, 11. No­vem­ber 2017; ⭱ E‑Paper Ro­sen­hei­mer blick, ⭱ E‑Paper Inn­ta­ler blick, ⭱ E‑Paper Mang­fall­ta­ler blick, ⭱ E‑Paper Was­ser­bur­ger blick, ⭱ E‑Paper Inn-Salz­ach blick, Sams­tag, 11. No­vem­ber 2017.
 

Dr. Olaf Konstantin Krueger M.A.

Digitaljournalist – Digitalpolitiker

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