Kontroverse um „Corona-Demos“
Legitime Kritik oder gefährliche Spinnerei?

Berlin/München — Die Kon­tro­ver­se wird schär­fer: Der Pro­test ge­gen die staat­li­chen Maß­nah­men zur Ein­däm­mung der Corona-Pandemie schwillt an, geht trotz ers­ter be­hörd­li­cher Lo­cke­run­gen in die Brei­te, ent­wächst den So­zia­len Netz­wer­ken und zeigt sich auf den Stra­ßen. Ers­ten un­ge­ord­ne­ten De­mon­stra­tio­nen tau­sen­der Bür­ger fol­gen zi­vi­le Kund­ge­bun­gen. Ob in Me­tro­po­len wie Ber­lin, Mün­chen, Nürn­berg oder Stutt­gart, in baye­ri­schen Ober­zen­tren wie Bad Rei­chen­hall, Ro­sen­heim und Traun­stein oder Mit­tel­zen­tren wie Traun­reut und Wald­krai­burg: Mit sicht­ba­rer Po­li­zei­prä­senz und kla­rer Ein­schreit­li­nie neh­men un­ter­schied­lich mo­ti­vier­te De­mon­stran­ten das Recht auf Ver­samm­lungs­frei­heit wahr und pro­tes­tie­ren nun meist un­ter Ein­hal­tung der Be­stim­mun­gen zum In­fek­tions­schutz für ih­re An­lie­gen. Da letz­tes Wo­chen­en­de kei­ne nen­nens­wer­ten Stö­run­gen fest­ge­stellt wur­den, fiel die Bi­lanz der Dienst­stel­len des Po­li­zei­prä­si­di­ums Ober­bayern Süd po­si­tiv aus. Zu­gleich wird im­mer ein­dring­li­cher von der Teil­nah­me an „Corona-Demos“ ab­ge­ra­ten: In­ter­es­sen­ver­bän­de, Par­teien und Ver­fas­sungs­schutz war­nen vor Falsch­in­for­ma­tion, ex­tre­mis­ti­schem Ge­dan­ken­gut, Ver­schwö­rungs­theo­rien, Lü­gen, Hass und Het­ze.

Der Sta­tus quo der COVID-19-Fäl­le ist ein­drück­lich: In Ro­sen­heim sind mit Stand 19. Mai 2020 ins­ge­samt 2.727 Fäl­le auf­ge­tre­ten (Stadt: 507, Land­kreis: 2.220) – von die­sen sind 196 Per­so­nen ver­stor­ben (Stadt: 24, Lkr: 172), 1.789 Per­so­nen ge­ne­sen, 130 Per­so­nen in sta­tio­nä­rer Be­hand­lung, hier­von 21 Pa­tien­ten auf ei­ner In­ten­siv­sta­tion. Die 7‑Ta­ge-In­zi­denz, al­so die Zahl der Neu­in­fek­tio­nen pro 100.000 Ein­woh­ner in­ner­halb von sie­ben Ta­gen, liegt für die Stadt Ro­sen­heim bei 17,37 und für den Land­kreis Ro­sen­heim bei 15,71. Der ers­te In­fi­zier­te wur­de hier am 29. Fe­bru­ar 2020 re­gis­triert. Im Land­kreis Mühl­dorf am Inn sind bis­lang 495 Fäl­le auf­ge­tre­ten – von die­sen sind 27 Per­so­nen ver­stor­ben, 453 Per­so­nen ge­ne­sen, 55 Per­so­nen in sta­tio­nä­rer Be­hand­lung, hier­von fünf auf ei­ner In­ten­siv­sta­tion. Die 7‑Ta­ge-In­zi­denz liegt bei 0,9. Der ers­te In­fi­zier­te wur­de am 17. März 2020 re­gis­triert.

Kernforderungen auf den „Corona-Demos“

Mund­schutz oder „Maul­korb“: Mit Fort­dauer der durch die Corona-Krise be­grün­de­ten Ein­schrän­kun­gen steigt die all­ge­mei­ne Ge­reizt­heit. Der ver­meint­li­che Schul­ter­schluss zwi­schen Vi­ro­lo­gen, Epi­de­mio­lo­gen, Po­li­ti­kern, Main­stream­medien und Bür­gern scheint ei­ner ge­sell­schaft­li­chen Po­la­ri­sie­rung zu wei­chen. Im­mer mehr Lockdown-mü­de Bür­ger äu­ßern nach der Rück­nah­me der ⭲ Qua­ran­tä­ne­maß­nah­men of­fen ih­ren Un­mut auf so­ge­nann­ten „Corona-Demos“. Die meis­ten De­mon­stran­ten ar­ti­ku­lie­ren so ih­re Sor­gen über die Fol­gen des ver­ord­ne­ten „Social Distancing“, die fi­nan­ziel­len Ein­bu­ßen durch den als al­ter­na­tiv­los de­kla­rier­ten Lockdown, die dra­ma­ti­schen Kon­se­quen­zen des Wirt­schafts­ein­bruchs so­wie die bei­spiel­lo­sen Ein­grif­fe in die frei­heit­li­chen Grund­rech­te. Im De­tail wer­den et­wa
• die Mas­ken­pflicht als Pla­ce­bo­schutz kri­ti­siert,
• die Hy­gie­ne- und Dis­tanz­re­geln für Kin­der und Se­nio­ren als wi­der­sprüch­lich be­ur­teilt,
• die Öff­nungs­stra­te­gie bei Frei­zeit­stät­ten als nicht nach­voll­zieh­bar ge­se­hen,
• das Ver­bot kon­takt­lo­sen Sports als un­ver­ständ­lich er­ach­tet,
• die pau­scha­le Un­fehl­bar­keit von Wis­sen­schaft­lern als ab­we­gig ver­wor­fen so­wie
• der Wech­sel der Kenn­zah­len für die Ent­wick­lung der Pandemie – von Fall­zahl über Ver­dopp­lungs­dauer und Re­pro­duk­tions­wert bis hin zur Ober­gren­ze – be­män­gelt.

Wie le­ben­dig un­se­re De­mo­kra­tie, wie tief ver­an­kert und wie hoch ge­schätzt
ih­re Grund­wer­te sind, das zeigt sich doch ge­ra­de jetzt in die­ser Kri­se.
Frank-Walter Steinmeier (SPD), Bun­des­prä­si­dent der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, 22. Mai 2020

Corona-Crash“ und „öko­no­mi­scher Schock“: Der par­tiel­le Shutdown hat dra­ma­ti­sche Fol­gen. Der Bör­sen­ein­bruch von 34 Pro­zent zählt be­reits zu den schwers­ten Kri­sen der letz­ten 120 Jah­re. Da­rüber hin­aus be­fin­det sich die Eu­ro­päi­sche Union (EU) in der schwers­ten Re­zes­sion ih­rer Ge­schich­te: „Eu­ro­pa er­lebt ei­nen öko­no­mi­schen Schock, wie es ihn seit der gro­ßen De­pres­sion nicht mehr ge­ge­ben hat“, kon­sta­tiert Paolo Gentiloni, EU-Kom­mis­sar für Wirt­schaft und Wäh­rung so­wie Kom­mis­sar für Steuern und Zoll­union in der Kom­mis­sion von der Leyen. Die Wirt­schafts­leis­tung der Euro­zo­ne könn­te die­ses Jahr um 7,7 Pro­zent schrump­fen, die der EU als Gan­zes um 7,4 Pro­zent. Und die für 2021 prog­nos­ti­zier­te deut­li­che Er­ho­lung wer­de die­sen Ein­bruch noch nicht wett­ma­chen. Dies zu the­ma­ti­sie­ren und des­we­gen zu de­mon­strie­ren wird durch die Teil­nah­me von „Wirr­köp­fen“ und „Po­pu­lis­ten“ nicht dis­qua­li­fi­ziert.

Widersprüchliche Stimmungslage

Ak­tu­el­le Um­fra­gen be­stä­ti­gen die An­span­nung. So ist die Stim­mungs­la­ge in der Be­völ­ke­rung „ein­ge­bro­chen wie nie zu­vor, in kür­zes­ter Frist“, er­läu­tert Prof. Dr. Renate Köcher vom ⭱ In­sti­tut für De­mos­ko­pie Al­lens­bach (IfD Al­lens­bach). Be­rei­ts Ende März sah nur et­wa je­der Vier­te (24 Pro­zent) mit Hoff­nung den kom­men­den zwölf Mo­na­ten ent­ge­gen, 76 Pro­zent äu­ßer­ten be­reits Be­fürch­tun­gen. Der Stu­die „COVID-19 Consumer Pulse“ des ⭱ Markt­for­schungs­in­sti­tu­tes GfK zu­fol­ge glaubt in­zwi­schen je­der Drit­te, dass sich sei­ne fi­nan­ziel­le Si­tua­tion in den nächs­ten zwölf Mo­na­ten ver­schlech­tert. Ein Vier­tel der Be­frag­ten will auf Ur­laub ver­zich­ten, sie­ben Pro­zent wol­len den Kauf von Klei­dung, Au­tos und Lu­xus­gü­tern ver­schie­ben.

Ei­ne Um­fra­ge des Markt­for­schungs­un­ter­neh­mens McKinsey un­ter­streicht, so­lan­ge kein Impf­stoff ge­gen das Coronavirus zur Ver­fü­gung ste­he, wol­len 40 Pro­zent der Ver­brau­cher sel­te­ner öf­fent­li­che Ver­kehrs­mit­tel wie Bus­se, Zü­ge oder Flug­zeu­ge nut­zen, son­dern eher zu Fuß ge­hen oder auf Fahr­rad oder Au­to zu­rück­grei­fen. Ein Drit­tel der Be­frag­ten will auch nach dem Ab­flauen der Corona-Krise sel­te­ner auf Kon­zer­te, ins Thea­ter oder ins Ki­no ge­hen, 26 Pro­zent über­haupt nicht. Im Übri­gen ist je­der drit­te Be­schäf­tig­te in der Corona-Krise ins Homeoffice ge­wech­selt, mel­det das ⭱ Deut­sche In­sti­tut der Wirt­schafts­for­schung e. V. (DIW Berlin). In der ers­ten April-Hälf­te ga­ben 35 Pro­zent an, teil­wei­se oder voll­stän­dig von zu Hau­se aus zu ar­bei­ten. Vor der Pandemie wa­ren es zwölf Pro­zent.

Ich möch­te ver­ste­hen, was die Men­schen um­treibt.
Das ist ei­ne zwin­gen­de Voraus­set­zung da­für, dass die­ses Land sich nicht wei­ter spal­tet.
Michael Kretschmer (CDU), Mi­nis­ter­prä­si­dent des Frei­staa­tes Sach­sen, 21. Mai 2020

Mitt­ler­wei­le wächst auch die Angst vor dem Ver­lust des Ar­beits­plat­zes: Seit Ja­nu­ar hat sich laut dem On­line-Mak­ler Check24 das In­ter­es­se am Ar­beits­recht in der Rechts­schutz­ver­si­che­rung ver­vier­facht. Für April ver­zeich­net die ⭱ Bun­des­agen­tur für Ar­beit (BA) ei­nen Zu­wachs von rund 300.000 Ar­beits­lo­sen, die Ar­beits­lo­sen­quo­te ist auf 5,8 Pro­zent ge­stie­gen (+0,7 Punk­te). Mehr als zehn Mil­lio­nen Men­schen sind in Kurz­ar­beit – zehn­mal so vie­le wie in der Fi­nanz­kri­se 2008/2009. Au­ßer­dem wirkt sich Kurz­ar­beit „in ab­ge­schwäch­ter Form“ auf die ge­setz­li­che Ren­ten­ver­si­che­rung aus, äu­ßert Dirk von der Heide von der ⭱ Deut­schen Ren­ten­ver­si­che­rung Bund (DRV), wo­bei wäh­rend der Kurz­ar­beit und des Ar­beits­lo­sen­geld­be­zugs wei­ter­hin Bei­trä­ge ent­rich­tet wer­den. Al­ler­dings schätzt der Ver­si­che­rungs­kon­zern Allianz, dass die Ren­ten­kas­se in die­sem Jahr acht Mil­liar­den Eu­ro we­ni­ger ein­neh­men könn­te. Da­ne­ben äu­ßern in ei­ner Er­he­bung für „Haus & Grund Deutsch­land – Zen­tral­ver­band der Deut­schen Haus‑, Woh­nungs- und Grund­ei­gen­tü­mer e. V.“ sechs Pro­zent der Mie­ter, bei ih­nen führ­ten Ein­kom­mens­ein­bu­ßen we­gen der Pandemie da­zu, dass sie die Mie­te nicht zah­len könn­ten. Der­weil ist für den „⭱ Bun­des­ar­beits­ge­mein­schaft Woh­nungs­lo­sen­hil­fe e. V. (BAG W)“ im­mer noch un­ge­klärt, wie Qua­ran­tä­ne­maß­nah­men für woh­nungs­lo­se Men­schen si­cher­ge­stellt wer­den kön­nen: In man­chen Kom­mu­nen ge­be es Ein­rich­tun­gen, in ei­ni­gen wür­den Ho­tels an­ge­mie­tet.

Der Lockdown führt auch zu volks­wirt­schaft­li­chen Ver­wer­fun­gen. Bei­spiels­wei­se ver­zö­gert die Corona-Krise nach Ein­schät­zung des „⭱ BFW Bun­des­ver­band Freier Im­mo­bi­lien- und Woh­nungs­un­ter­neh­men e. V.“ die Ge­neh­mi­gung und Fer­tig­stel­lung von Bau­pro­jek­ten stark. In ei­ner Ver­bands­um­fra­ge ga­ben 75 Pro­zent der be­frag­ten Im­mo­bi­lien­fir­men an, ihr Ge­schäfts­be­trieb sei be­ein­träch­tigt. 65 Pro­zent der Be­stands­hal­ter und 79 Pro­zent der Bau­trä­ger und Pro­jekt­ent­wick­ler be­rich­te­ten von Pro­ble­men. Nach Schät­zung des „⭱ Bun­des­ver­band der Deut­schen Tou­ris­mus­wirt­schaft e. V. (BTW)“ könn­ten zwei Drit­tel der Un­ter­neh­men kurz- bis mit­tel­fris­tig In­sol­venz an­mel­den. In der Ge­samt­bran­che in­klu­si­ve Gast­ge­wer­be sei­en bis zu ei­ne Mil­lion Men­schen von Ar­beits­lo­sig­keit be­droht.

Corona wirft vie­le ver­fas­sungs­recht­li­che Fra­gen auf.
Aber die ak­tu­el­le Si­tua­tion zeigt, dass das Grund­ge­setz auch für solch schwie­ri­ge Pha­sen ein her­vor­ra­gen­der Ord­nungs­rah­men ist.
Prof. Dr. Stephan Harbarth, LL.M. (CDU), Prä­si­dent des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts, 23. Mai 2020

Da­ne­ben sieht sich je­der zehn­te Ein­zel­händ­ler von In­sol­venz be­droht, hat der ⭱ Deut­sche In­dus­trie- und Han­dels­kam­mer­tag e. V. (DIHK) er­mit­telt. An­fang Mai ga­ben von 10.000 be­frag­ten Un­ter­neh­men knapp 40 Pro­zent an, ih­re In­ves­ti­tio­nen für das lau­fen­de Jahr kür­zen zu wol­len. Fast je­der drit­te Be­trieb be­klag­te Li­qui­di­täts­eng­päs­se. Und dem Frei­staat Bayern dro­hen bis 2022 Steuer­ver­lus­te von rund 10,8 Mil­liar­den Eu­ro: Nach ei­ner Steuer­schät­zung des Baye­ri­schen Staats­mi­nis­ters der Fi­nan­zen und für Hei­mat, Albert Füracker (CSU), feh­len dem Fis­kus in die­sem Jahr im Ver­gleich zur bis­he­ri­gen Steuer­kal­ku­la­tion 5,5 Mil­liar­den Eu­ro, im kom­men­den Jahr wei­te­re 2,7 Mil­liar­den Euro und 2022 noch­mals 2,6 Mil­liar­den Eu­ro.

Be­un­ruhig­te Da­ten­schüt­zer, Bür­ger- und Staats­recht­ler sor­gen sich in­des­sen um den de­mo­kra­ti­schen Rechts­staat. Deut­schen Ver­fas­sungs- und Ver­wal­tungs­ge­rich­ten lie­gen rund 1.000 Eil­an­trä­ge vor, die et­wa die Mas­ken­pflicht, Ver­samm­lungs­ver­bo­te, Rei­se­be­schrän­kun­gen, Got­tes­dienst-Auf­la­gen oder Re­ge­lun­gen für Ge­schäfts­öff­nun­gen be­tref­fen. Kri­ti­ker mah­nen die ⭲ Wah­rung der Grund­rech­te an bei der Ein­füh­rung ei­ner ⭲ Über­wa­chungs-App zur Nach­ver­fol­gung von In­fek­tions­ket­ten („Contact Tracing“) oder von Corona-Im­mu­ni­täts­nach­wei­sen. Die we­gen der Re­gis­trie­rungs­pflicht er­ho­be­nen Da­ten beim Be­such von ⭲ Frei­zeit­ein­rich­tun­gen wie Gast­stät­ten, Fit­ness­clubs und Tanz­schu­len dürf­ten nur zweck­be­zo­gen er­ho­ben wer­den und müss­ten nach ei­nem be­grenz­ten Zeit­raum ver­nich­tet wer­den.

Corona stresst.
Die ei­nen, weil sie sehr be­sorgt sind,
die an­de­ren, weil sie sehr ge­nervt sind.
Dr. Markus Söder (CSU), Mi­nis­ter­prä­si­dent des Frei­staa­tes Bayern, 22. Mai 2020

Ein ganz an­de­res Bild zeich­nen da­ge­gen Wahl­um­fra­gen. Da­nach will laut ei­ner Um­fra­ge von in­fra­test-di­map für den ARD-Deutsch­land­trend mehr als die Hälf­te der Wahl­be­rech­tig­ten an den be­ste­hen­den Maß­nah­men zur Ein­däm­mung der Corona-Pandemie fest­hal­ten: So se­hen 56 Pro­zent der Be­frag­ten wei­te­re Nor­ma­li­sie­rungs­schrit­te kri­tisch, 40 Pro­zent be­für­wor­ten ei­ne Lo­cke­rung der Maß­nah­men, drei Pro­zent ant­wor­ten un­be­stimmt und ein Pro­zent macht kei­ne An­ga­ben. Über­dies ist das Ver­trauen in be­stimm­te po­li­ti­sche Äm­ter und In­sti­tu­tio­nen ei­ner Forsa-Um­fra­ge zu­fol­ge in der Corona-Krise ge­wach­sen: Dem Amt des Bun­des­prä­si­den­ten brin­gen 76 Pro­zent der Be­frag­ten sehr gro­ßes oder gro­ßes Ver­trauen ent­gegen (plus drei Pro­zent), Bun­des­kanz­le­rin Dr. Angela Merkel (CDU) ge­winnt 22 Pro­zent­punk­te und ran­giert auf Platz zwei mit 72 Pro­zent. Den größ­ten Ver­trauens­schub mit ei­nem Plus von 26 Pro­zent er­hält im RTL/ntv-Trend­ba­ro­me­ter die Bun­des­re­gie­rung mit 60 Pro­zent (drit­ter Rang).

Desinformationskampagnen und Verschwörungstheorien

Po­li­tik und Be­hör­den sind gleich­wohl an­ge­spannt. „Corona-Demos“ ha­ben ein ho­hes Ak­ti­vie­rungs­po­ten­zial: Die an­ge­mel­de­te Teil­neh­mer­zahl wird mit­un­ter weit über­schrit­ten. Auf den Kund­ge­bun­gen fin­den sich nicht nur Kri­ti­ker der Ein­schrän­kun­gen, Geg­ner ei­ner Impf­pflicht so­wie Skep­ti­ker ein, die die re­gie­rungs­of­fi­ziel­len Ver­laut­ba­run­gen teil­wei­se oder gänz­lich in Zwei­fel zie­hen. Ge­le­gent­lich wird auch de­mon­stra­tiv ge­gen die Ver­pflich­tung zum Tra­gen ei­ner Mund-Nase-Be­de­ckung und der Wah­rung ei­nes Si­cher­heits­ab­stan­des ver­sto­ßen. Da­her hat bei­spiels­wei­se in Ro­sen­heim die Stadt­ver­wal­tung auf­grund der In­fek­tions­la­ge ent­schie­den, dass die In­nen­stadt bis auf Wei­te­res nicht mehr für Ver­samm­lun­gen zur Ver­fü­gung steht. Ärz­te und Vi­ro­lo­gen be­fürch­ten zu­dem die Ver­brei­tung ge­fähr­li­cher Falsch­in­for­ma­tion über das In­fek­tions­ge­sche­hen.

Auch die Corona-Krise wird von rech­ten Het­zern miss­braucht,
um Hass und Ver­schwö­rungs­theo­rien zu ver­brei­ten.
Christine Lambrecht (SPD), Bun­des­mi­nis­te­rin der Jus­tiz und für Ver­brau­cher­schutz im Ka­bi­nett Merkel IV, 20. Mai 2020

Das Bun­des­mi­nis­te­rium des In­nern, für Bau und Hei­mat (BMI) the­ma­ti­siert über­dies Des­in­for­ma­tions­kam­pag­nen von Reichs­bür­gern, Iden­ti­tä­ren, Neo­na­zis und aus­län­di­schen Re­gie­run­gen, die den ge­sell­schaft­li­chen Zu­sam­men­halt in der Bun­des­re­pu­blik und der EU an­grif­fen. Au­ßer­dem wer­den laut Thomas Haldenwang, Prä­si­dent des Bun­des­amts für Ver­fas­sungs­schutz, „Un­ter­gangs­sze­na­rien ent­wor­fen, um Zu­stim­mung zu ra­di­ka­len und ex­tre­mis­ti­schen Po­si­tio­nen zu er­zeu­gen“. Ent­spre­chend zeigt der Mühl­dor­fer Land­tags­ab­ge­ord­ne­te Dr. Marcel Huber (CSU) zwar Ver­ständ­nis da­für, „dass es den Leu­ten ir­gend­wann zu viel wird“ be­züg­lich der Auf­la­gen, doch bei man­cher Kri­tik „spie­len ideo­lo­gi­sche und staats­feind­li­che Grün­de mit, die mit der Rea­li­tät nichts zu tun ha­ben. Mich be­frem­det das“.

CDU, CSU, SPD und Bünd­nis 90/DIE GRÜ­NEN er­klä­ren uni­so­no, das Grund­recht auf Ver­samm­lungs­frei­heit wer­de auch wäh­rend der Corona-Krise ge­wahrt, und war­nen vor ei­ner Ver­ein­nah­mung der Kund­ge­bun­gen durch „Corona-Leugner“, Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker, Rechts­po­pu­lis­ten, Ex­tre­mis­ten und Ju­den­has­ser. So nimmt die CDU nach den Wor­ten ih­res Ge­ne­ral­se­kre­tärs Paul Ziemiak die Sor­gen der Bür­ger ernst: „Aber klar ist auch, dass wir kon­se­quent ge­gen die­je­ni­gen vor­ge­hen, die jetzt die Sor­gen der Bürger mit Ver­schwö­rungs­theo­rien an­hei­zen und Fake News in Um­lauf brin­gen.“ Da­ne­ben ruft SPD-Ge­ne­ral­se­kre­tär Lars Klingbeil zum „Wi­der­stand der nor­ma­len Leu­te“ auf ge­gen Leu­te, die „un­ser Sys­tem de­sta­bi­li­sie­ren“ wol­len. Konstantin von Notz, stell­ver­tre­ten­der Frak­tions­vor­sit­zen­der von Bünd­nis 90/DIE GRÜ­NEN im Bun­des­tag, se­kun­diert, an den Kund­ge­bun­gen neh­men auch je­ne teil, „die das Sys­tem grund­sätz­lich in­fra­ge stel­len und Po­li­ti­ker ins­ge­samt für Mario­net­ten von George Soros und Bill Gates hal­ten“. In Bayern warnt der Staats­mi­nis­ter des In­nern, für Sport und In­te­gra­tion Joachim Herrmann (CSU) des­halb, „dass zu­neh­mend kru­de Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker und Ex­tre­mis­ten ver­schie­dens­ter Cou­leur die Corona-Pandemie für ih­re ge­fähr­li­che Pro­pa­gan­da nut­zen“.

Man muss ge­nau hin­se­hen, wer auf die­sen De­mon­stra­tio­nen ne­ben ei­nem steht.
Ne­ben Holocaust-Leug­nern, Reichs­bür­gern, Nazis und AfD-Po­li­ti­kern,
die nur das Ziel ha­ben, zu het­zen und die­se Ge­sell­schaft zu de­sta­bi­li­sie­ren,
soll­te man sich nicht auf ei­ner De­mon­stra­tion ein­rei­hen.
Lars Klingbeil (SPD), Ge­ne­ral­se­kre­tär, 21. Mai 2020

Die Prä­si­den­tin der Is­ra­eli­ti­schen Kul­tus­ge­mein­de Mün­chen und Ober­bayern, Dr. h.c. Charlotte Knobloch, be­tont zu­dem: „Das Ge­rau­ne von ge­hei­men Mäch­ten und fin­ste­ren Plä­nen, das vie­le die­ser Pro­tes­te be­stimmt, trägt ganz klar an­ti­se­mi­ti­sche Zü­ge.“ Und der Be­auf­trag­te der Bun­des­re­gie­rung für jü­di­sches Le­ben in Deutsch­land und den Kampf ge­gen An­ti­se­mi­tis­mus, Dr. Felix Klein, hält vie­le der Kund­ge­bun­gen für „hoch­ge­fähr­lich, weil sie das Ver­trauen in un­se­ren de­mo­kra­ti­schen Staat un­ter­gra­ben und ein Sam­mel­be­cken bil­den, in dem sich ne­ben teils sehr ob­sku­ren an­de­ren Geis­tes­hal­tun­gen ver­schwö­rungs­wü­ti­ge An­ti­se­mi­ten und Ho­lo­caust-Leug­ner fin­den“. Staat und Bür­ger müss­ten dem „mit al­ler Macht“ ent­ge­gen­tre­ten. 


Erstveröffentlichung

Print: Ro­sen­hei­mer blick, Inn­ta­ler blick, Mang­fall­ta­ler blick, Was­ser­bur­ger blick, 33. Jg., Nr. 21/2020, Sams­tag, 23. Mai 2020, S. 1f., Ko­lum­ne „Leit­ar­ti­kel“ (Kurz­fas­sung); Inn-Salz­ach blick, 12. Jg., Nr. 21/2020, Sams­tag, 23. Mai 2020, S. 1f., Ko­lum­ne „Leit­ar­ti­kel“ (Kurz­fas­sung) [200/3/1/2+10].
Online: ⭱ blick-punkt.com, Mon­tag, 18. Mai 2020; ⭱ E‑Paper Ro­sen­hei­mer blick, ⭱ E‑Paper Inn­ta­ler blick, ⭱ E‑Paper Mang­fall­ta­ler blick, ⭱ E‑Paper Was­ser­bur­ger blick, ⭱ E‑Paper Inn-Salz­ach blick, Sams­tag, 23. Mai 2020.
 

Dr. Olaf Konstantin Krueger M.A.

Digitaljournalist – Digitalpolitiker

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