Novelle der Novelle der Straßenverkehrs-Ordnung
Scheuer: „Verhältnismäßigkeit wiederherstellen“

Berlin — Kaum in Kraft, steht die no­vel­lier­te Stra­ßen­ver­kehrs-Ord­nung auf der Kip­pe: In­fol­ge har­scher Kri­tik will Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­ter Andreas Scheuer die StVO auf den Prüf­stand stel­len, bit­tet den Bun­des­rat um ei­ne Nach­bes­se­rung. Die StVO sieht in der seit dem 28. April gel­ten­den Fas­sung un­ter an­de­rem här­te­re Stra­fen vor – für das Durch­fah­ren der Ret­tungs­gas­se, für das Hal­ten in zwei­ter Rei­he und für Tem­po­ver­stö­ße, bei de­nen schnel­ler als bis­her Fahr­ver­bo­te aus­ge­spro­chen wer­den. Da nun ei­ner­seits die neue StVO in Kraft ist, an­de­rer­seits vom Bun­des­mi­nis­ter in Fra­ge ge­stellt wird, for­dert der ADAC Klar­heit: „Das führt zu ei­ner gro­ßen Ver­wir­rung bei Au­to­fah­rern und Be­hör­den“, sagt ADAC-Ver­kehrs­prä­si­dent Gerhard Hillebrand. Sonst könn­te ei­ne Flut von Ein­sprü­chen fol­gen.

Der All­ge­mei­ne Deut­sche Au­to­mo­bil-Club e. V. (ADAC) sieht sich in sei­ner Kri­tik an der no­vel­lier­ten StVO be­stä­tigt: „Ins­be­son­de­re die Ge­schwin­dig­keits­ver­stö­ße wer­den un­ver­hält­nis­mä­ßig hart be­straft“, be­fin­det Gerhard Hillebrand. „Durch die Neu­re­ge­lung geht die seit Jah­ren be­währ­te Dif­fe­ren­zie­rung in leich­te, mitt­le­re und gro­be Ver­kehrs­ver­stö­ße und da­mit das Gleich­ge­wicht aus Geld­bu­ßen, Punk­ten und Fahr­ver­bo­ten ver­lo­ren.“ Hier ma­che ei­ne star­ke Dif­fe­ren­zie­rung Sinn. Der Bun­des­mi­nis­ter für Ver­kehr und di­gi­ta­le In­fra­struk­tur Andreas Scheuer (CSU) will nun die ver­schärf­ten Re­geln mit Fahr­ver­bo­ten für Ra­ser kip­pen. Der­zeit droht ein Fahr­ver­bot beim Über­schrei­ten der Höchst­ge­schwin­dig­keit in­ner­orts von 21 Ki­lo­me­tern pro Stun­de und au­ßer­orts um 26 km/h. Die vom Bun­des­rat zur Re­form der StVO ein­ge­brach­te Än­de­rung nennt Scheuer „un­ver­hält­nis­mä­ßig“ und schlägt den Bun­des­län­dern vor, das Fahr­ver­bot zu strei­chen, im Ge­gen­zug das Buß­geld von 80 Eu­ro auf 100 Eu­ro zu er­hö­hen. Hillebrand emp­fiehlt Bund und Län­dern über­dies, schnellst­mög­lich ei­ne Lö­sung zu find­en, ver­deut­licht bei ei­ner Kor­rek­tur der No­vel­le zu­gleich, „dass Ra­sen kein Ka­va­liers­de­likt ist“.

Strafen bei Tempoverstößen

Die No­vel­lie­rung der StVO be­zweck­te ei­nen bes­se­ren Schutz von Fuß­gän­gern und Rad­fah­rern. Vor der Re­form wur­de bei ei­ner Über­schrei­tung der Höchst­ge­schwin­dig­keit in­ner­orts bis ein­schließ­lich 20 km/h ein Ver­war­nungs­geld in Hö­he von ma­xi­mal 35 Euro fäl­lig, ab 21 km/h droh­te ne­ben ei­ner Geld­bu­ße von min­des­tens 60 Eu­ro ein Punkt, ab 31 km/h gab es zwei Punk­te so­wie ei­nen Mo­nat Fahr­ver­bot. Die­se Ab­stu­fung wur­de mit der No­vel­le ge­än­dert: Ne­ben ei­ner Ver­dop­pe­lung der Geld­bu­ßen bis 20 km/h ist nun das Über­schrei­ten um 21 km/h in­ner­orts mit ei­nem ein­mo­na­ti­gen Fahr­ver­bot be­legt. Ein Tem­po­ver­stoß um 16 km/h bis 20 km/h in­ner­orts führt zu ei­ner Geld­bu­ße von 70 Eu­ro.

Hillebrand zu­fol­ge fehlt hier die Ver­hält­nis­mä­ßig­keit. „Die Un­ter­schei­dung in leich­te, mit­tel­schwe­re und gro­be Ver­kehrs­ver­stö­ße hat sich in Deutsch­land seit Jahr­zehn­ten be­währt“, be­tont der ADAC-Ver­kehrs­prä­si­dent, „die­se Dif­fe­ren­zie­rung fällt mit der Neu­re­ge­lung weg.“ So sei ei­ne Über­schrei­tung bis 15 km/h in­ner­orts noch ein ge­ring­fü­gi­ger Ver­stoß, doch schon bei 21 km/h lie­ge ein gro­ber Ver­kehrs­ver­stoß vor. Auch die Ver­schär­fung auf Land­stra­ßen und Au­to­bah­nen hält der ADAC für un­an­ge­mes­sen: Hier droht ein Fahr­ver­bot ab ei­ner Über­schrei­tung von 26 km/h (zu­vor: bei 41 km/h).

Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­ter Scheuer dif­fe­ren­ziert, die No­vel­le der Stra­ßen­ver­kehrs-Ord­nung sei „ein Er­folg“, weil Fuß­gän­ger und Fahr­rad­fah­rer bes­ser ge­schützt wür­den. Le­dig­lich die Ge­schwin­dig­keits­ver­stö­ße in­ner­orts bei 21 km/h und au­ßer­orts bei 26 km/h soll­ten wie­der in den al­ten Stand ver­setzt wer­den: „Je­der muss sich an die Re­geln hal­ten. Das ist klar. Aber manch­mal kommt es zu Här­ten, die an die­ser Stel­le wie­der in ei­ne Ver­hält­nis­mä­ßig­keit ge­bracht wer­den müs­sen“, er­klärt Scheuer sein An­lie­gen. „Des­we­gen bit­ten wir die Bun­des­län­der an nur die­ser ei­nen Stel­le – sonst bleibt al­les an­de­re gleich, was wir ge­re­gelt ha­ben – das ein­mo­na­ti­ge Fahr­ver­bot wie­der auf den al­ten Stand zu­rück­zu­brin­gen.“ So „kön­nen wir mit ei­ner neu­en mo­der­nen Stra­ßen­ver­kehrs-Ord­nung auch dem ge­recht wer­den, dass Schutz zum ei­nen und ei­ne Ver­hält­nis­mä­ßig­keit zum an­de­ren ge­währ­leis­tet ist.“ 


Erstveröffentlichung

Print: Ro­sen­hei­mer blick, Inn­ta­ler blick, Mang­fall­ta­ler blick, Was­ser­bur­ger blick, 33. Jg., Nr. 22/2020, Sams­tag, 30. Mai 2020, S. 3, Ko­lum­ne „Lo­ka­les“ [139/5/1/2; ein Fo­to]; Inn-Salz­ach blick, 12. Jg., Nr. 22/2020, Sams­tag, 30. Mai 2020, S. 15, Ko­lum­ne „Lo­ka­les“ [139/3/1/1; ein Fo­to].
Online: ⭱ blick-punkt.com, Mon­tag, 25. Mai 2020; ⭱ E‑Paper Ro­sen­hei­mer blick, ⭱ E‑Paper Inn­ta­ler blick, ⭱ E‑Paper Mang­fall­ta­ler blick, ⭱ E‑Paper Was­ser­bur­ger blick, ⭱ E‑Paper Inn-Salz­ach blick, Sams­tag, 30. Mai 2020.
 

Dr. Olaf Konstantin Krueger M.A.

Digitaljournalist – Digitalpolitiker

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