Bürgerentscheid soll Stadtratsbeschluss kippen
Bleibt das Waldbad doch erhalten?

Wald­krai­burg — Wald­krai­burg soll ein neu­es Frei­bad er­hal­ten – das sa­nie­rungs­be­dürf­ti­ge Wald­bad wird auf­ge­ge­ben. Der Stadt­rats­be­schluss für den Neu­bau fiel nach in­ten­si­ver De­bat­te denk­bar knapp aus: in na­ment­li­cher Ab­stim­mung 16:15. Die zwölf UWG-Stadt­rä­te vo­tier­ten ein­heit­lich da­für, die zwölf CSU-Stadt­rä­te ge­schlos­sen da­ge­gen, die sechs SPD-Stadt­rä­te stimm­ten pa­ri­tä­tisch ab, die Stim­me von Bür­ger­meis­ter Ro­bert Pötzsch (UWG) gab den Aus­schlag. Doch kaum ge­fasst ist frag­lich, ob der Stadt­rats­be­schluss Be­stand hat: Ein vom „För­der­ver­ein Wald­bad Wald­krai­burg (FöVeWW)“ so­wie SPD- und CSU-Po­li­ti­kern ge­tra­ge­nes Ak­tions­bünd­nis stemmt sich ge­gen Schwimm­bad­neu­bau und Orts­ver­la­ge­rung. In den nächs­ten vier Wo­chen sol­len rund 1400 Un­ter­schrif­ten für ein Bür­ger­be­geh­ren ge­sam­melt wer­den, um mit­tels Bür­ger­ent­scheid den Er­halt des Wald­ba­des doch noch zu er­rei­chen.

Der Stad­trats­be­schluss zum Schwimm­bad­neu­bau in Wald­krai­burg soll ge­kippt wer­den. „Wir sind zu­ver­sicht­lich“, er­klärt Jür­gen Za­belt, Ini­tia­tor und Vor­sit­zen­der vom FöVeWW. Noch in der Nacht der rich­tung­ge­ben­den Stadt­rats­sit­zung hat das Ak­tions­bünd­nis zum Er­halt des Wald­ba­des spon­tan rund ein­hun­dert Un­ter­stüt­zungs­un­ter­schrif­ten für ein Bür­ger­be­geh­ren ge­sammelt. Bei 16.459 wahl­be­rech­tig­ten Wald­krai­bur­gern zur Bun­des­tags­wahl 2017 sind laut Ge­mein­de­ord­nung für den Frei­staat Bayern acht Pro­zent, mit­hin 1317 Un­ter­stüt­zer, er­for­der­lich, um ei­nen Bür­ger­ent­scheid zu be­an­tra­gen. Die­sen müss­te der Stadt­rat dann in­ner­halb von drei Mo­na­ten an ei­nem Sonn­tag durch­füh­ren. Er­folg­reich ist der Bür­ger­ent­scheid, wenn min­des­tens 3292 Ja-Stim­men und die Mehr­heit der ab­ge­ge­be­nen Stim­men er­reicht wer­den. „Das wä­re ein kla­rer Auf­trag der Bür­ger zum Er­halt des Wald­bads“, er­klärt Za­belt.

Er­for­der­li­che Sa­nie­rungs­maß­nah­men

In der Stadt­rats­sit­zung hat­ten die Neu­bau-Be­für­wor­ter auf den stei­gen­den Un­ter­halts­auf­wand und die um­fang­rei­chen Sa­nie­rungs­maß­nah­men ver­wie­sen. Im Fo­kus: das Aus­klei­den al­ler Be­cken, die Er­neue­rung und Er­wei­te­rung der Was­ser­auf­be­rei­tungs­tech­nik, die Sa­nie­rung al­ler Be­cken­köp­fe und Über­lauf­rin­nen, die bau­li­che Sa­nie­rung des Be­triebs­ge­bäu­des, des Kas­sen­ge­bäu­des, des Auf­sichts­turms und des Gar­de­ro­ben­trak­tes, die Er­neue­rung der Rohr­lei­tun­gen für die Ver­sor­gung der Be­cken, die elek­tro­tech­ni­sche und steue­rungs­tech­ni­sche Aus­rüs­tung so­wie An­pas­sungs­maß­nah­men an die ge­än­der­ten Rechts­vor­schrif­ten und DIN-Nor­men. Über­dies sei­en wei­te­re Er­tüch­ti­gun­gen wie die Er­wei­te­rung der Park­plät­ze, die Ver­bes­se­rung und Er­wei­te­rung der Du­schen und Hy­gie­ne­ein­rich­tun­gen not­wen­dig.

Bür­ger­meis­ter Pötzsch leg­te dar, dass die Stadt­wer­ke Wald­krai­burg GmbH die er­for­der­li­chen Sa­nie­rungs­maß­nah­men nicht fi­nan­zie­ren und künf­tig nur noch ein jähr­li­ches Be­triebs­de­fi­zit von maxi­mal 400.000 Eu­ro aus­glei­chen könn­te. Da­mit stün­den drei Va­rian­ten zur Dis­kus­sion. Va­rian­te eins: Voll­sa­nie­rung im vor­han­de­nen Um­fang mit der­zei­ti­gem An­ge­bot – Ge­samt­kos­ten 9,35 Mil­lio­nen Eu­ro, für Wald­krai­burg ab­züg­lich Er­lö­se und Be­tei­li­gun­gen 7,35 Mil­lio­nen Eu­ro, jähr­li­ches Be­triebs­de­fi­zit 700.000 Eu­ro. Va­rian­te zwei: Teil­sa­nie­rung mit Teil­neu­bau auf dem an­ge­stamm­ten Areal mit ver­rin­ger­tem An­ge­bot – Ge­samt­kos­ten 6,82 Mil­lio­nen Eu­ro, für Wald­krai­burg 4,82 Mil­lio­nen Eu­ro, jähr­li­ches De­fi­zit 500.000 Eu­ro. Va­rian­te drei: Neu­bau an an­de­rer Stel­le mit ver­rin­ger­tem An­ge­bot in in­ter­kom­mu­na­ler Zu­sam­men­ar­beit mit der Nach­bar­ge­mein­de Aschau am Inn – Ge­samt­kos­ten 10,49 Mil­lio­nen Eu­ro, für Wald­krai­burg 4,64 Mil­lio­nen Eu­ro, jähr­li­ches De­fi­zit 375.000 Eu­ro in­klu­si­ve Aschaus An­teil.

Dem Va­rian­ten­ver­gleich von Ge­schäfts­füh­rer Her­bert Lech­ner zu­fol­ge er­ge­ben sich bei der Neu­bau-Va­rian­te ge­rin­ge­re Kos­ten als bei den Sa­nie­rungs-Va­rian­ten. Die Be­las­tung des städti­schen Haus­hal­tes sei durch die Be­tei­li­gung der Ge­mein­de Aschau am Inn, den Ver­wer­tungs­er­lös für das Wald­bad-Grund­stück so­wie öf­fent­li­che Be­zu­schus­sung am ge­rings­ten, das lau­fen­de Be­triebs­de­fi­zit er­reich­te die De­fi­zit-Ziel­vor­ga­be. Dem­ent­spre­chend sah die Be­schluss­emp­feh­lung vor, die Sa­nie­rungs­va­rian­ten nicht wei­ter zu ver­fol­gen und den Schwimm­bad­neu­bau zu be­für­wor­ten.

Kri­tik am Neu­bau

CSU-Frak­tions­spre­cher An­ton Sterr kri­ti­sier­te je­doch die Neu­bau-Va­rian­te scharf, nann­te sie ein „Va­banque­spiel“ und stell­te ge­nau­so wie der zwei­te Bür­ger­meis­ter Ri­chard Fi­scher (SPD) die Be­rech­nun­gen in Fra­ge. Wei­te­re Kri­ti­ker er­in­ner­ten in ei­ner zu­neh­mend emo­tio­nal ge­führ­ten De­bat­te an die Leis­tun­gen der El­tern­ge­ne­ra­tion, mo­nier­ten „ma­ni­pu­la­ti­ve me­dia­le Be­richt­er­stat­tung“ und be­ton­ten, das Wald­bad als „Wahr­zei­chen und Al­lein­stel­lungs­merk­mal“ müs­se er­hal­ten blei­ben. Anne­ma­rie Desch­ler (CSU) ap­pel­lier­te, ge­mein­sam für das Wald­bad ein­zu­tre­ten, und Rai­ner Zwisls­per­ger (CSU) ver­wies auf den Spruch „Su­chet der Stadt Bes­tes“ im Licht­hof des Rat­hau­ses. Die UWG-Stadt­rä­te un­ter­stri­chen wie­de­rum, bei den Sa­nie­rungs-Va­rian­ten über­stie­gen die Be­triebs­kos­ten die fi­nan­ziel­len Mög­lich­kei­ten Wald­krai­burgs: „Fi­nan­ziell ge­se­hen kön­nen wir uns nur den Neu­bau leis­ten“, er­klär­te et­wa Alexan­dra Rei­se­gast.

Die Stoß­rich­tung des di­rekt nach dem Stadt­rats­be­schluss be­an­trag­ten Bür­ger­be­geh­rens wird schon durch des­sen Ti­tel klar: „Das be­ste­hen­de Wald­bad Wald­krai­burg mit Schwimm­ein­rich­tung und Ge­bäu­den soll am Stand­ort Wald­krai­burg, Rei­chen­ber­ger­straße 60, er­hal­ten blei­ben“. Be­grün­det wird es un­ter an­de­rem mit der zen­tra­len La­ge und sei­nem Al­lein­stel­lungs­merk­mal als ge­schicht­li­ches Wahr­zei­chen. Un­ter­zeich­net ist es von Jür­gen Za­belt und Mar­ti­na Ar­nusch-Ha­sel­war­ter vom FöVeWW, Alexan­der Ar­nusch und Ri­chard Fi­scher vom SPD-Orts­ver­band so­wie Char­lot­te Kon­rad und Nor­bert Fi­scher vom CSU-Orts­ver­band. In­des­sen hat Bür­ger­meis­ter Pötzsch zur Bür­ger­ver­samm­lung ein­ge­la­den: Mitt­woch, 21. Fe­bru­ar, 19 Uhr im Großen Saal des Hau­ses der Kul­tur. 


Erstveröffentlichung

Print: Inn-Salz­ach blick, 10. Jg., Nr. 6/2018, Sams­tag, 10. Fe­bru­ar 2018, S. 1/3, Ko­lum­ne „Leit­ar­ti­kel“ [185/3/ – /9].
Online: ⭱ blick-punkt.com, Mitt­woch, 7. Fe­bru­ar 2018; ⭱ E‑Paper Inn-Salz­ach blick, Sams­tag, 10. Fe­bru­ar 2018.
 

Dr. Olaf Konstantin Krueger M.A.

Digitaljournalist – Digitalpolitiker

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