Corona-Krise: Volksbegehren zur Abberufung des Bayerischen Landtags
Herrmann: „Ganz eindeutig aus der Querdenker-Szene“

München — In Bayern kön­nen die Wahlberechtigten Mit­te Ok­to­ber per Volks­be­geh­ren über die Ab­be­ru­fung des Land­tags ent­schei­den. Das Baye­ri­sche Staats­mi­nis­te­rium des In­nern, für Sport und In­te­gra­tion hat die Prü­fung des vom „Bünd­nis Land­tag ab­be­ru­fen“ ein­ge­reich­ten An­trags ab­ge­schlos­sen und dem Zu­las­sungs­an­trag statt­ge­ge­ben. Die da­für not­wen­di­ge Zahl von min­des­tens 25.000 stimm­be­rech­tig­ten Un­ter­zeich­nern war er­reicht. In­nen­mi­nis­ter Joachim Herrmann sieht das Volks­be­geh­ren gleich­wohl kri­tisch, denn die Be­trei­ber kä­men „ganz ein­deu­tig aus der Querdenkerszene“ und be­zeich­ne­ten die re­prä­sen­ta­ti­ve De­mo­kra­tie als un­taug­lich. Das „Bünd­nis“ er­klärt wie­de­rum auf sei­ner Ini­tia­tiv-Web­site, das Volks­be­geh­ren sol­le die po­li­ti­schen Ak­ti­vi­tä­ten der baye­ri­schen Bür­ger „sti­mu­lie­ren“: „Feind­bil­der ha­ben wir nicht.“

Der Bayerischen Verfassung (BV) zu­fol­ge ist das Volk Träger der Staatsgewalt (Art. 2 I 2 BV), das sei­nen Wil­len durch Wah­len und Ab­stim­mun­gen kund­tut (Art. 2 II 1 BV). Die Staats­ge­walt wird aus­ge­übt durch die stimm­be­rech­tig­ten Staats­bür­ger, durch die von ih­nen ge­wähl­te Volks­ver­tre­tung und durch die mit­­­tel- oder un­mit­tel­bar von ihr be­stell­ten Voll­zugs­be­hör­den und Rich­ter (Art. 4 BV). Da­ne­ben kann das Volk un­mit­tel­bar ge­setz­ge­bend tä­tig wer­den, in­dem Ge­set­zes­vor­la­gen durch Volks­be­geh­ren (VB) in den Land­tag ein­ge­bracht und bei Ab­leh­nung durch die­sen über Volks­ent­scheid her­bei­ge­führt wer­den (vgl. Art. 74 BV). Des Wei­te­ren muss dem Volk je­der Land­tags­be­schluss auf Ver­fas­sungs­än­de­rung zur Ent­schei­dung vor­ge­legt wer­den (Art. 75 II 2 BV). Auf An­trag von ei­ner Mil­lion wahl­be­rech­tig­ter Staats­bür­ger kann der Land­tag zu­dem durch Volks­ent­scheid ab­be­ru­fen wer­den (Art. 18 III BV). Fol­ge: Im Frei­staat wur­den seit 1946 ins­ge­samt 21 Volks­be­geh­ren und 19 Volks­ent­schei­de durch­ge­führt, elf Volks­be­geh­ren und 16 Volks­ent­schei­de be­tra­fen Verfassungsänderungen.

Volksbegehren zur Abberufung des Landtags

Das Bayerische Staatsministerium des Innern, für Sport und Integration (BStMI) hat am 27. Ju­ni dem An­trag auf Zu­las­sung des Volks­be­geh­rens zur Ab­be­ru­fung des Land­tags statt­ge­ge­ben. Das „Bünd­nis Land­tag ab­be­ru­fen“ hat in der ⭲ Corona-Krise die da­für not­wen­di­ge Zahl von min­des­tens 25.000 stimm­be­rech­tig­ten Un­ter­zeich­nern vor­ge­legt. Wei­te­rer Gang: Die zwei­wö­chi­ge „Ein­tra­gungs­frist“ be­ginnt am Don­ners­tag, 14. Ok­to­ber, und en­det am Mitt­woch, 27. Ok­to­ber. In die­sem Zeit­raum müs­sen al­le baye­ri­schen Kom­mu­nen ent­spre­chen­de Lis­ten zum Ein­trag der Un­ter­zeich­nungs­er­klä­run­gen auf­le­gen. Die Stimm­ab­ga­be ist al­ter­na­tiv per „Ein­tra­gungs­schein“ mög­lich. Die­ser kann frü­hes­tens am 41. Tag vor Be­ginn der Ein­tra­gungs­frist (Frei­tag, 3. Sep­tem­ber) bis zu ih­rem En­de bei der je­wei­li­gen Kom­mu­ne be­an­tragt werden.

Joachim Herrmann (CSU), Zwei­ter Stell­ver­tre­ter des Baye­ri­schen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Dr. Markus Söder (CSU) so­wie In­nen­mi­nis­ter und Mit­glied des Land­tags, er­klär­te al­ler­dings ge­gen­über dem Baye­ri­schen Rund­funk (BR): „Was mich et­was be­sorgt macht ist, dass die Be­trei­ber die­ses Volks­be­geh­rens ganz ein­deu­tig aus der Querdenker-Szene kom­men und un­ser gan­zes de­mo­kra­ti­sches Sys­tem – prak­tisch al­le Par­teien, die im Land­tag ver­tre­ten sind – als völ­lig un­taug­lich bezeichnen.“

Querdenkertypische Inhalte“

Das Informationsportal „Endstation Rechts. Bayern“ – ein Pro­jekt der BayernSPD und der Jung­so­zia­lis­ten Bayern „über Neo­na­zis und Rechts­ex­tre­mis­mus in Bayern“, des­sen Schirm­her­rin die SPD-Land­tags­ab­ge­ord­ne­te Natascha Kohnen ist – kon­sta­tiert eben­falls, hin­ter dem Bünd­nis stün­den maß­geb­lich Ak­ti­vis­ten der baye­ri­schen Querdenker-Szene, die „quer­den­ker­ty­pi­sche In­hal­te“ ver­brei­te­ten. Mit Ver­weis auf das BStMI sei­en ne­ben der WirPartei auch Querdenken 089 München und Querdenken 8041 Bad Tölz be­tei­ligt. Na­ment­lich er­wähnt wer­den Ak­ti­vis­ten wie der ehe­ma­li­ge Münchner Po­li­zei­haupt­kom­mis­sar Karl Hilz.

Wenn jetzt ei­ni­ge we­ni­ge – weil ih­nen die Corona-Maßnahmen nicht pas­sen
und das Parlament nicht nach ih­rer Pfeife tanzt – den Landtag ab­be­ru­fen wol­len,
ist das falsch ver­stan­de­ne Demokratie.
Ilse Aigner (CSU), Prä­si­den­tin des Baye­ri­schen Land­tags, 15. Ok­to­ber 2021 (⭱ allgaeuhit.de)

Die SPD hat­te be­reits im März die von Herrmann im Innenausschuss be­stä­tig­te Be­ob­ach­tung ei­ni­ger Per­so­nen der baye­ri­schen Querdenker be­grüßt: „Bei den Querdenkern tum­meln sich ge­fähr­li­che Verschwörungs­theoretiker mit teils rechts­ex­tre­men und de­mo­kra­tie­feind­li­chen An­sich­ten, die durch­aus ge­walt­be­reit sind“, er­klär­te der SPD-Land­tags­ab­ge­ord­ne­te Florian Ritter. Und die Frak­tions­vor­sit­zen­de von Bünd­nis 90/DIE GRÜ­NEN, Katharina Schulz, warn­te vor „Corona-Leugnern“: Die­se sei­en zum Teil „ech­te De­mo­kra­tie­fein­de, an­ti­se­mi­tisch und rechtsextrem“.

Landtag steht weniger in der Öffentlichkeit

Das „Bündnis Landtag ab­be­ru­fen“ be­grün­det sein Ansinnen auf der Ini­tia­tiv-Web­site un­ter an­de­rem da­mit, der Baye­ri­sche Land­tag ha­be sich selbst „ab­ge­schafft“: In Deutsch­land wer­de über Er­mäch­ti­gun­gen und Ver­ord­nun­gen „durch­re­giert“, der Land­tag sei „ak­tu­ell über­flüs­sig“ und oh­ne Ge­setz­ge­bungs­kom­pe­tenz: „Im Grun­de stellt sich die Fra­ge, ob nicht dar­über ab­ge­stimmt wer­den soll­te, den Land­tag ganz ab­zu­schaf­fen. Dann könn­te der Mi­nis­ter­prä­si­dent ein­fach durch ei­nen Be­am­ten er­setzt wer­den, den die Zen­tral­re­gie­rung in Berlin bestimmt.“

Dieser Lesart be­geg­net Dr. Walther Michl, LL.M., Aka­de­mi­scher Rat an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität (LMU), im BR: Der Bund ha­be zwar mit dem In­fek­tions­schutz­ge­setz und den Ver­ord­nungs­er­mäch­ti­gun­gen sehr viel Macht an sich ge­zo­gen, was aber nicht hei­ße, dass der Baye­ri­sche Land­tag über­flüs­sig wä­re. Sei­ne Ar­beit stün­de bloß we­ni­ger in der Öffentlichkeit.

Gutes Signal: Das Volksbegehren ge­gen den Landtag ist deut­lich ge­schei­tert.
Die wir­ren Argumente kom­men bei der gro­ßen Mehrheit der Bevölkerung nicht an.
Das ist ei­ne kla­re Ansage ge­gen Verschwörungstheorien und ein hoff­nungs­vol­les Signal
für Demokratie und den Kampf ge­gen Corona.
Dr. Markus Söder, MdL (CSU), Mi­nis­ter­prä­si­dent des Frei­staa­tes Bayern, 28. Oktober 2021 (⭱ Tweet)

Fände das VB die not­wen­di­ge ei­ne Million Unterstützer, so könn­ten sich laut der Ini­tia­to­ren bei vor­ge­zo­ge­nen Neu­wah­len ne­ben den vor­han­de­nen Par­teien neue be­wer­ben. Ziel wä­re „die In­te­gra­tion der di­rek­ten De­mo­kra­tie, al­so die di­rek­te Mit­spra­che der Bür­ger“. Dem dien­ten wei­te­re Volks­ent­schei­de, et­wa zur Er­gän­zung der Wahl­mög­lich­kei­ten mit­tels di­gi­ta­ler Stimm­ab­ga­be und zur Neu­ord­nung der Rund­funk­ge­büh­ren: „Und das wich­tigs­te Signal ist, dass wir ge­mein­sam den Land­tag je­der­zeit wie­der ab­be­ru­fen kön­nen…!“ 


Erstveröffentlichung

Print: Ro­sen­hei­mer blick, Inn­ta­ler blick, Mang­fall­ta­ler blick, Was­ser­bur­ger blick, 35. Jg., Nr. 34/2021, Sams­tag, 28. Au­gust 2021, S. 1f., Ko­lum­ne „Leit­ar­tikel“ [203/3/1/1]; Inn-Salz­ach blick, 12. Jg., Nr. 34/2021, Sams­tag, 28. Au­gust 2021, S. 1f., Ko­lum­ne „Leit­ar­ti­kel“ [203/3/1/1].
Online: ⭱ blick-punkt.com, Mon­tag, 23. Au­gust 2021; ⭱ E‑Paper Ro­sen­hei­mer blick, ⭱ E‑Paper Inn­ta­ler blick, ⭱ E‑Paper Mang­fall­ta­ler blick, ⭱ E‑Paper Was­ser­bur­ger blick; ⭱ E‑Paper Inn-Salz­ach blick, Sams­tag, 28. Au­gust 2021.
 

Dr. Olaf Konstantin Krueger M.A.

Digitaljournalist – Digitalpolitiker

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