Gebührenverordnung der Bundespolizei in der Kritik
Lau: „Notfalls gegen Bescheid klagen“

Berlin — Das sind Prei­se: Die „münd­li­che Platz­ver­wei­sung in Ver­bin­dung mit Iden­ti­täts­fin­dung“ kos­tet 44,65 Eu­ro, die „An­ord­nung des Ge­wahr­sams“ 74,15 Eu­ro, der „Voll­zug des Ge­wahr­sams in der sta­tio­nä­ren Ge­wahr­sams­ein­rich­tung“ 6,51 Eu­ro je an­ge­fan­ge­ne Vier­tel­stun­de. Un­be­merkt von Öf­fent­lich­keit und Me­dien hat Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Horst Seehofer (CSU) An­fang Ok­to­ber 2019 ei­ne Ge­büh­ren­ver­ord­nung für die Bun­des­po­li­zei ein­ge­führt, die für „in­di­vi­du­ell zu­re­chen­ba­re öf­fent­li­che Leis­tun­gen“ Ge­büh­ren und Aus­la­gen er­hebt. De­ren Hö­he rich­tet sich nach dem „Ge­büh­ren- und Aus­la­gen­ver­zeich­nis“, das auch „Tat­be­stän­de“ für ih­re Be­frei­ung so­wie Kos­ten für ih­re Fest­set­zung re­gelt. Nord­rhein-West­fa­len ver­schickt die­ser Ta­ge die ers­ten Zah­lungs­auf­for­de­run­gen. Bür­ger­recht­ler be­fürch­ten in­des ei­ne Ein­schrän­kung von Grund­rech­ten durch die Hin­ter­tür.

Po­li­zei­mel­dun­gen im süd­li­chen Ober­bayern wer­fen ein Schlag­licht auf die Ar­beit der Ord­nungs­kräf­te. Ei­ni­ge Bei­spie­le aus dem Land­kreis Alt­öt­ting: Burg­hau­sen, Ver­kehrs­un­fall un­ter Al­ko­hol­ein­fluss, Wi­der­stand ge­gen Voll­stre­ckungs­be­am­te. Burg­kir­chen an der Alz, Dro­gen­fahrt. Gar­ching an der Alz, Ver­kehrs­un­fall­flucht. News­flash aus dem Land­kreis Mühl­dorf am Inn: Wald­krai­burg, Si­cher­stel­lung von ei­nem Ki­lo­gramm Heroin und In­haf­tie­rung von drei Per­so­nen. Kreis­stadt Mühl­dorf, Be­trugs­ma­sche „Microsoft-Mit­ar­bei­ter“ so­wie Fah­ren oh­ne Fahr­er­laub­nis und Trun­ken­heit im Ver­kehr. Recht­meh­ring, Be­schä­di­gung ei­ner Haus­fas­sa­de. Ti­cker­mel­dun­gen aus dem Land­kreis Ro­sen­heim: Was­ser­burg, Ein­bruch in Ju­gend­treff. Bad Aib­ling, Trick­be­trugs­ma­sche „per Nach­nah­me“. Pang, Ein­brü­che in Wohn­häu­ser. Kreis­freie Stadt Ro­sen­heim, Le­gen­den­be­trug „Fal­sche Po­li­zei­be­am­te“, Ran­da­lie­rer in Hotel so­wie At­ta­cke von „Nacht­schwär­mern“ auf Po­li­zis­ten. Nach­rich­ten aus dem Land­kreis Berch­tes­ga­de­ner Land: An­ger, Be­schlag­nah­mung von 4,7 Ki­lo­gramm Mari­hua­na. Tei­sen­dorf, Brand in Mö­bel­aus­stel­lung.

Hin­zu kom­men Mel­dun­gen der Bun­des­po­li­zei, die dem Bun­des­mi­nis­te­rium des In­nern, für Bau und Hei­mat un­ter­stellt ist. Zu de­ren Auf­ga­ben und Be­fug­nis­sen zäh­len: Grenz­schutz, Bahn­po­li­zei, Luft­si­cher­heit, Si­cher­heits­maß­nah­men an Bord von Luft­fahr­zeu­gen, Schutz von Bun­des­or­ga­nen, Auf­ga­ben auf See, Auf­ga­ben im Not­stands- und Ver­tei­di­gungs­fall, Ver­wen­dung im Aus­land, Ver­wen­dung zur Un­ter­stüt­zung an­de­rer Bun­des­be­hör­den, Ver­wen­dung zur Un­ter­stüt­zung des Bun­des­am­tes für Ver­fas­sungs­schutz auf dem Ge­biet der Funk­tech­nik, Ver­wen­dung zur Un­ter­stüt­zung ei­nes Lan­des, Ver­fol­gung von Straf­ta­ten so­wie Ver­fol­gung und Ahn­dung von Ord­nungs­wi­drig­kei­ten.

Be­rich­te aus der Grenz­re­gion Ro­sen­heim und Berch­tes­ga­de­ner Land do­ku­men­tie­ren den hie­si­gen Schwer­punkt der Bun­des­po­li­zei in der Kri­mi­na­li­täts­be­kämp­fung: Bruck­mühl, Er­mitt­lun­gen we­gen Sach­be­schä­di­gung/Graf­fi­tis. Kie­fers­fel­den, Fest­nah­me ei­nes al­ba­ni­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen, der we­gen Ur­kun­den­fäl­schung von der Lands­hu­ter Staats­an­walt­schaft mit Haft­be­fehl ge­sucht wird. Prien, Ent­waff­nung ei­nes Ju­gend­li­chen, der ei­ne Soft­air­pis­to­le bei sich trägt. Kreis­freie Stadt Ro­sen­heim: Fest­nah­me ei­nes ag­gres­si­ven aser­baid­scha­ni­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen, Fest­nah­me ei­nes so­ma­li­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen we­gen un­er­laub­ten Auf­ent­halts, Dieb­stahls und Be­trugs so­wie An­zei­ge ei­nes ita­lie­ni­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen we­gen Ver­sto­ßes ge­gen das Waf­fen­ge­setz. Schneizl­reuth, Fest­nah­me ei­nes ni­geria­ni­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen we­gen Com­pu­ter­be­trugs.

Ge­büh­ren – Aus­la­gen – Zeit­ge­bühr

Für ih­re Ein­sät­ze kann die Bun­des­po­li­zei seit Ok­to­ber 2019 Ge­büh­ren er­he­ben. Ge­setz­li­che Grund­la­ge zum Ver­sen­den von Zah­lungs­auf­for­de­run­gen ist die so­ge­nann­te „Be­son­de­re Ge­büh­ren­ver­ord­nung des Bun­des­mi­nis­te­riums des In­nern, für Bau und Hei­mat für in­di­vi­du­ell zu­re­chen­ba­re öf­fent­li­che Leis­tun­gen in des­sen Zu­stän­dig­keits­be­reich (⭱ Be­son­de­re Ge­büh­ren­ord­nung BMIBMIBGebV)“. De­ren „Ge­büh­ren- und Aus­la­gen­ver­zeich­nis“ kon­kre­ti­siert „ge­büh­ren­fä­hi­ge Leis­tun­gen“. Die­se wer­den auf­grund von elf Vor­schrif­ten er­bracht. Zu den Vor­schrif­ten ge­hö­ren ne­ben an­de­ren das Bun­des­po­li­zei­ge­setz und das Waf­fen­ge­setz.

Al­lei­ne das ⭱ Bun­des­po­li­zei­ge­setz nennt 13 „Ge­büh­ren- und Aus­la­gen­tat­be­stän­de“. Sie be­gin­nen bei der Ab­wehr von Ge­fah­ren – et­wa Po­li­zei­ein­sät­ze, Ret­tung und Ber­gung von Tie­ren so­wie Er­tei­lung ei­ner Mel­de­auf­la­ge. Darauf fol­gen die Er­he­bung von Tele­kom­mu­ni­ka­tions­da­ten, die Iden­ti­täts­fin­dung, die zwangs­wei­se Durch­set­zung ei­ner Vor­la­dung, die Platz­ver­wei­sung so­wie die Ge­wahr­sam­nah­me. Sie en­den mit der Si­cher­stel­lung von Tie­ren und Sa­chen, der amt­li­chen Ver­wah­rung si­cher­ge­stell­ter Fahr­zeu­ge, der Ver­wer­tung oder Ver­nich­tung si­cher­ge­stell­ter Sa­chen so­wie Grenz­schutz­auf­ga­ben. Ei­ni­ge ge­büh­ren­fä­hi­ge Leis­tun­gen wer­den nach Pau­scha­len in Eu­ro be­mes­sen, an­de­re nach Zeit­auf­wand – et­wa die Su­che oder Ret­tung ei­ner Per­son. Die­se Zeit­ge­bühr wird ent­we­der er­mit­telt nach den Stun­den­sät­zen für Ver­wal­tungs­be­schäf­tig­te in der Bun­des­ver­wal­tung oder nach den Stun­den­sät­zen für Po­li­zei­voll­zugs­be­am­tin­nen und ‑be­am­te.

Ge­bühr dient der „Ver­hal­tens­be­ein­flus­sung“

Die Ge­büh­ren­ver­ord­nung be­zweckt nach An­ga­be ei­nes Mi­nis­te­riums­spre­chers, „dass nur Maß­nah­men der all­ge­mei­nen Ri­si­ko­vor­sor­ge oder der je­der­mann ge­wid­me­ten Ge­fah­ren­ab­wehr durch die von der All­ge­mein­heit zu zah­len­den Steuern fi­nan­ziert wer­den sol­len“. Kos­ten, die „durch ei­ne spe­ziel­le, dem Ein­zel­nen zu­re­chen­ba­re Si­cher­heits­leis­tung der Bun­des­po­li­zei ent­stan­den sind“, sol­le da­ge­gen je­ner zah­len, der die­se er­for­der­lich ge­macht ha­be. Die er­ho­be­nen Ge­büh­ren könn­ten „zu ei­ner künf­ti­gen Ver­hal­tens­be­ein­flus­sung bei­tra­gen“, zi­tiert die Deut­sche Pres­se-Agen­tur den un­be­nann­ten Spre­cher.

Wie die „West­deut­sche Zei­tung“ be­richt­et, wer­den die­ser Ta­ge die ers­ten Zah­lungs­auf­for­de­run­gen ver­schickt. Kon­kre­tes Bei­spiel: Im Ja­nu­ar hat ein 30 Mi­nu­ten lang un­be­auf­sich­tigt ab­ge­stell­ter Kof­fer im Düs­sel­dor­fer Haupt­bahn­hof ei­nen Ein­satz der Bun­des­po­li­zei aus­ge­löst. Für den ver­meid­ba­ren und in­di­vi­du­ell zu­re­chen­ba­ren Po­li­zei­ein­satz mit Spreng­stoff­hund soll die Ei­gen­tü­me­rin des Ge­päck­stücks 550 Eu­ro be­zah­len. Die Bun­des­po­li­zei, un­ter an­de­rem zu­stän­dig für die Si­cher­heit in Bahn­hö­fen und Flug­hä­fen, kann den Vor­gang ru­bri­zie­ren als „Po­li­zei­ein­satz, der durch ei­ne vor­sätz­li­che oder fahr­läs­si­ge Schaf­fung ei­ner Ge­fah­ren­la­ge ver­an­lasst wur­de“. Die Er­he­bung der Ge­büh­ren- und Aus­la­gen be­misst sich hier­bei nach dem er­for­der­li­chen Zeit­auf­wand.

Ge­fahr für die Ver­samm­lungs­frei­heit?

Das On­line-Ma­ga­zin „Tele­po­lis“ warnt un­ter­des­sen, die Ge­büh­ren­ver­ord­nung könn­te zur Ein­schrän­kung des Ver­samm­lungs­rechts füh­ren, staats­bür­ger­li­ches En­ga­ge­ment teu­er wer­den. Grund: Die Bun­des­po­li­zei wer­de auf An­fra­ge der Bun­des­län­der auch bei De­mon­stra­tio­nen ein­ge­setzt, agie­re bei die­sen Ein­sät­zen ge­mäß je­wei­li­ger Lan­des­ge­set­ze und le­ge die „Straf­ge­büh­ren“ oh­ne rich­ter­li­chen Be­schluss nach ei­ge­nem Er­mes­sen fest. In der Fol­ge könn­ten Teil­neh­mer po­li­ti­scher und an­de­rer Ver­samm­lun­gen aus Furcht vor ho­hen Ge­büh­ren von der Wahr­neh­mung ih­rer bür­ger­li­chen Rech­te ab­ge­schreckt wer­den.

Die Fan­sze­ne deut­scher Fuß­ball­ver­ei­ne nimmt die Ge­büh­ren­ver­ord­nung laut „Nord­ku­rier“ auch als Schi­ka­ne ei­nes re­pres­si­ven Staa­tes wahr. Für den Ber­li­ner Rechts­an­walt Rene Lau, der un­ter an­de­rem Fuß­ball­fans ver­tre­te, las­se sich die Po­li­zei ho­heit­li­che Auf­ga­ben, die nach dem Grund­ge­setz vom Staat zu er­fül­len sind, pri­vat be­zah­len. Lau ra­te je­dem Be­trof­fe­nen, ge­gen ei­nen Ge­büh­ren­be­scheid vor dem je­wei­li­gen zu­stän­di­gen Ver­wal­tungs­ge­richt Ein­spruch ein­zu­le­gen und not­falls zu kla­gen. 


Erstveröffentlichung

Print: Ro­sen­hei­mer blick, Inn­ta­ler blick, Mang­fall­ta­ler blick, Was­ser­bur­ger blick, 33. Jg., Nr. 8/2020, Sams­tag, 22. Fe­bru­ar 2020, S. 1f., Ko­lum­ne „Leit­ar­ti­kel“ (Kurz­fas­sung); Inn-Salz­ach blick, 11. Jg., Nr. 9/2020, Sams­tag, 29. Fe­bru­ar 2020, S. 1f., Ko­lum­ne „Leit­ar­ti­kel“ (Kurz­fas­sung) [172/3/2/8].
Online: ⭱ blick-punkt.com, Don­ners­tag, 20. Fe­bru­ar 2020; ⭱ E‑Paper Ro­sen­hei­mer blick, ⭱ E‑Paper Inn­ta­ler blick, ⭱ E‑Paper Mang­fall­ta­ler blick, ⭱ E‑Paper Was­ser­bur­ger blick, ⭱ E‑Paper Inn-Salz­ach blick, Sams­tag, 22. Fe­bru­ar 2020. Stand: Frei­tag, 1. Mai 2020.
 

Dr. Olaf Konstantin Krueger M.A.

Digitaljournalist – Digitalpolitiker

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