Streit über Messerattacke eines Afrikaners
„Werte vermitteln – Integration verstärken“

Ro­sen­heim — Der Mes­ser­an­griff ei­nes 22-jäh­­ri­gen Eri­tre­ers auf ei­ne Ju­gend­li­che in ei­ner Ro­sen­hei­mer Dis­ko­thek sorgt über­re­gio­nal für blan­kes Ent­set­zen und po­li­ti­schen Streit. We­gen vor­geb­li­cher „Häu­fung der Über­grif­fe auf jun­ge Frauen deutsch­land­weit durch männ­li­che Tä­ter mit Mi­gra­tions­hin­ter­grund“ for­dert die AfD Ro­sen­heim Kon­se­quen­zen für die In­te­gra­tions­ar­beit. Das „Pa­ten­pro­jekt für Ge­flüch­te­te – Bür­ger­stif­tung Ro­sen­heim“ sieht hier­durch die „her­aus­for­dern­de Ar­beit der Ehren­amt­li­chen auf übels­te Wei­se dis­kre­di­tiert“ und wirft der AfD „Het­ze“ vor. Die AfD kon­tert, die „so­ge­nann­ten Mi­gra­tions­hil­fe­ver­ei­ne“ müss­ten „end­lich ler­nen“ mit Kri­tik um­zu­ge­hen. CSU, FREIE WÄH­LER, SPD, Bünd­nis 90/DIE GRÜ­NEN und DIE LINKE miss­bil­li­gen uni­so­no den Vor­stoß der AfD und war­nen vor po­li­ti­scher In­stru­men­ta­li­sie­rung.

In der Nacht zum Sams­tag, 10. März, hat ge­gen 0.45 Uhr ein 22-jäh­­ri­ger Af­ri­ka­ner, zu dem das Po­li­zei­prä­si­dium Ober­bayern Süd ge­gen­wär­tig kei­ne nä­he­ren An­ga­ben macht, auf der Tanz­flä­che ei­nes Ro­sen­hei­mer Lo­kals ei­ne 16-jäh­­ri­ge Schü­le­rin aus dem Land­kreis un­ver­mit­telt mit ei­nem Mes­ser at­ta­ckiert. Vor den Au­gen ih­rer Freun­din­nen er­litt der Teen­ager Ver­let­zun­gen am Ober­kör­per. Der Si­cher­heits­dienst hielt den An­grei­fer bis zum Ein­tref­fen der Po­li­zei fest. Die Ver­let­zun­gen des Mäd­chens er­wie­sen sich im Kran­ken­haus als nicht le­bens­be­droh­lich. Das Po­li­zei­prä­si­dium spricht je­doch da­von, dass die At­ta­cke ei­ne „psy­chi­sche Be­las­tung“ für das Op­fer dar­stel­le. Die Kri­mi­nal­po­li­zei er­mit­telt ge­gen den Tä­ter we­gen ei­nes ver­such­ten Tö­tungs­de­lik­tes.

Das Ord­nungs­amt will ge­mein­sam mit dem Be­trei­ber der Schank­wirt­schaft klä­ren, ob mit Blick auf das Ju­gend­schutz­ge­setz ein Fehl­ver­hal­ten vor­lag. Min­der­jäh­ri­ge zwi­schen 16 und 17 Jah­ren kön­nen „Schü­ler­par­tys“ mit ei­nem „Mutti­zet­tel“ des Ju­gend­am­tes, der von den El­tern aus­zu­fül­len ist, in Be­glei­tung ei­ner er­zie­hungs­be­rech­tig­ten Per­son bis zur fest­ge­leg­ten Zeit be­su­chen. Den Ge­schäfts­füh­rern der be­trof­fe­nen Ro­sen­hei­mer Dis­ko­thek zu­fol­ge über­prü­fe ihr Si­cher­heits­dienst die For­mu­la­re beim Be­tre­ten des Lo­kals „sehr ge­wis­sen­haft“, ver­ge­be al­ters­ent­spre­chend ver­schie­de­ne Bän­der und füh­re ab Mit­ter­nacht Kon­trol­len durch.

AfD-Schlag­ab­tausch mit Hel­fer­krei­sen

Der­weil zeigt sich nicht nur das Um­feld tief be­trof­fen, die Po­li­tik hat die Tat auf­ge­grif­fen und strei­tet um die Kon­se­quen­zen. So for­dert die AfD Ro­sen­heim, „dass die ‚In­te­gra­tions­ar­beit’ der di­ver­sen Mi­gra­tions- und Asyl­hel­fer-Ver­ei­ne pro­fes­sio­na­li­siert und strikt über­wacht“ wer­de. Laut dem Ro­sen­hei­mer AfD-Land­tags­kan­di­da­ten Andreas Winhart soll­ten die kom­mu­na­len Ver­ant­wor­tungs­trä­ger für den „Schutz der ein­hei­mi­schen Be­völ­ke­rung“ sor­gen. „Nur mit Fahr­rad­bas­teln, Stüh­le­be­ma­len und gu­tem Zu­re­den wird nie­mand von der­ar­ti­gen Ta­ten ab­ge­hal­ten.“ Dem hält Elke Czarnecki, Spre­che­rin des Prie­ner Hel­fer­krei­ses, ent­ge­gen, die Krei­se ar­bei­te­ten sach­orien­tiert, sehr re­flek­tiert und sei­en sich der ge­samt­po­li­ti­schen Si­tua­tion be­wusst. Die Frei­zeit­an­ge­bo­te dien­ten der In­te­gra­tion „durch Schaf­fung von Be­geg­nung bei gleich­zei­ti­ger För­de­rung der Spra­che“. Und Elfriede Strasser, Asyl­be­auf­trag­te der Ca­ri­tas Tat­ten­hau­sen, kri­ti­siert die Aus­sa­gen Winharts als „grenz­wer­tig“: „Wir ver­su­chen zu hel­fen und auch zu in­te­grie­ren, aber wir sind nicht die ‚per­sön­li­chen Kin­der­mäd­chen’ un­se­rer Asyl­su­chen­den.“

Christian Hlatky vom „Pa­ten­pro­jekt für Ge­flüch­te­te“ spricht der AfD grund­sätz­lich ab, die Hel­fer­krei­se kri­ti­sie­ren zu dür­fen, da sich die Par­tei „noch nie“ über Pro­jek­te und Heraus­for­de­run­gen bei ih­rer Ar­beit mit Ge­flüch­te­ten er­kun­digt und in­for­miert ha­be: „In­te­gra­tion ist ein wech­sel­sei­ti­ger Pro­zess zwi­schen der im­mi­grie­ren­den und der auf­neh­men­den Ge­sell­schaft“, so Hlatky. „Die AfD sa­bo­tiert die­sen Pro­zess mit ih­rer Het­ze und schar­fen Rhe­to­rik re­gel­mäßig. Dann aber den eh­ren­amt­li­chen Hel­fern die Schuld und Ver­ant­wor­tung für miss­glück­te In­te­gra­tion und letzt­end­lich auch für die­sen grau­sa­men An­griff zu­zu­schie­ben, ist ekel­haft.“

Im Deut­schen Bun­des­tag und in den Land­ta­gen
sitzt der po­li­ti­sche Arm des Rechts­ter­ro­ris­mus. Und das ist die AfD.
Michael Roth (SPD), Staats­mi­nis­ter für Eu­ro­pa im Aus­wär­ti­gen Amt, 13. Ok­to­ber 2019

Dem ent­geg­net Winhart, die AfD se­he die Ak­ti­vi­tä­ten der Mi­gra­tions­hil­fe­ver­ei­ne sehr kri­tisch. „Es sind die glei­chen Per­so­nen­krei­se, wel­che die Mi­gran­ten an Bahn­hö­fen Ted­dys wer­fend will­kom­men hie­ßen und jetzt da­vor war­nen, dass das Chaos oh­ne ih­re Hil­fe noch viel grö­ßer wä­re.“ Das Pa­ten­pro­jekt wol­le für die ge­sam­te Bür­ger­stif­tung spre­chen, doch 200 Ehren­amt­li­che wä­ren in ei­ner Stadt mit 66.000 Ein­woh­nern „nicht wirk­lich viel“. Nach den Wor­ten von Win­hart sei „fest­zu­hal­ten, dass das En­ga­ge­ment nicht ziel­füh­rend war und ziel­füh­rend sein wird und die Bür­ger­in­nen und Bür­ger für die Fol­gen fi­nan­ziell und in punk­to Si­cher­heit die Zeche zah­len müs­sen, nur da­für, dass ein paar We­ni­ge sich in ver­meint­li­chem Lob als ein Stück bes­se­rer Mensch füh­len dür­fen.“

Stadt­rats­par­teien wi­der­spre­chen AfD

Daniel Artmann, Ge­schäfts­füh­rer der CSU-Bun­des­wahl­kreis­ge­schäfts­stel­le, be­tont, die Straf­tat soll­te nicht po­li­tisch aus­ge­schlach­tet wer­den. Grund­sätz­li­che Hal­tung der Christ­so­zia­len sei al­ler­dings, dass bei Straf­tätern und Ge­fähr­dern un­ter Asyl­be­wer­bern deut­lich här­ter durch­ge­grif­fen wer­den müs­se: „Wer straf­fäl­lig ge­wor­den ist, hat in un­se­rem Land nichts ver­lo­ren und muss schnellst­mög­lich ab­ge­scho­ben wer­den.“ Nach Robert Multrus, Vor­sit­zen­der und Stadt­rat der FW/UP Ro­sen­heim, ver­deut­li­che der be­sorg­nis­er­re­gen­de Vor­fall „die zu­neh­men­de Ver­ro­hung und Ge­walt­be­reit­schaft in un­se­rer Ge­sell­schaft“, doch „kli­schee­haf­te Vor­ver­ur­tei­lun­gen“, sei­en „nicht an­ge­bracht“. Dies un­ter­strei­che laut Mul­trus auch ih­re Land­tags­kan­di­da­tin Christine Degenhart, die es für un­an­ge­mes­sen hal­te, „dass sol­che Ein­zel­fäl­le von der Po­li­tik aus­ge­schlach­tet wer­den“.

Die Grund­la­ge für ein gu­tes Zu­sam­men­le­ben und ge­lin­gen­de In­te­gra­tion in Deutsch­land ist un­se­re Wer­te­ord­nung. Da­zu gehö­ren Gleich­be­rech­ti­gung, Re­li­gions­frei­heit, Mei­nungs­frei­heit und das Ge­walt­mo­no­pol des Staa­tes.
Dr. Angela Merkel (CDU), Bun­des­kanz­le­rin der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, 27. Ok­to­ber 2018

Wie die CSU, so ist auch die SPD da­für, die Er­mitt­lungs­er­geb­nis­se der Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den ab­zu­war­ten. Robert Metzger, Frak­tions­vor­sit­zen­der der SPD im Ro­sen­hei­mer Stadt­rat, hält aber „Stamm­tisch­pa­ro­len und An­grif­fe auf ört­li­che Hel­fer­krei­se“ für „nicht ziel­füh­rend“. SPD-Stadt­rä­tin Elisabeth Jordan plä­diert über­dies da­für, die An­stren­gun­gen zur In­te­gra­tion der Ge­flüch­te­ten zu ver­stär­ken. „Alle hier Le­ben­den müs­sen un­se­re Grund­wer­te und un­se­re of­fe­ne Ge­sell­schafts­form ak­zep­tie­ren. Ein ‚Nein’ von jun­gen Frauen ist als ‚Nein’ hin­zu­neh­men und die Ach­tung der Selbst­be­stim­mung von Frauen, egal wel­chen Al­ters, muss ei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit sein.“ Die ehren­amt­li­chen Hel­fer­krei­se leis­te­ten her­vor­ra­gen­de Ar­beit und un­ter­stütz­ten staat­li­che Struk­turen auf vor­bild­li­che Wei­se. „Pro­fes­sio­nel­le Un­ter­stüt­zung in den Ein­rich­tun­gen, wie sie die Stadt Ro­sen­heim um­setzt, soll­te noch wei­ter ver­stärkt wer­den. Auch eth­ni­sche und re­li­giö­se Hin­ter­grün­de müs­sen da­bei noch mehr be­ach­tet wer­den, um Kon­flikt­po­ten­tial und Frus­tra­tion zu ver­mei­den.“

Martin Knobel, Vor­stands- und Pres­se­spre­cher von Bünd­nis 90/DIE GRÜ­NEN in Ro­sen­heim, miss­bil­ligt den Vor­stoß der AfD. Für ihn „war lei­der klar, dass sie die­sen Vor­fall für ihr frem­den­feind­li­ches Pro­gramm in­stru­men­ta­li­sie­ren wer­den, um Angst und Res­sen­ti­ments bei den Bür­ger­in­nen und Bür­gern zu schü­ren“. Der Ver­such, die frei­wil­li­gen Hel­fer in Ver­ruf zu brin­gen, zeu­ge vom „in­fa­men Po­li­tik­stil“ der Par­tei. Auch Sebastian Misselhorn, Ro­sen­hei­mer Kreis­vor­sit­zen­der von DIE LINKE, rügt die AfD: „Nicht Hel­fer­krei­se oder Be­hör­den sind zu ver­ur­tei­len und zu be­schul­di­gen, son­dern die­je­ni­gen, die ein der­ar­tig trau­ma­ti­sie­ren­des Er­leb­nis in­stru­men­ta­li­sie­ren.“

Debatte wird fortgeführt

Die De­bat­te über ex­zes­si­ve Ge­walt­ta­ten von Ju­gend­li­chen so­wie In­te­gra­tions­fä­hig­keit und ‑wil­lig­keit von Ge­flüch­te­ten könn­te un­ter­des­sen wei­ter­ge­hen: In den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten ha­ben sich die Mes­ser­an­grif­fe von Ju­gend­li­chen schein­bar ge­häuft. En­de De­zem­ber 2017 er­stach in Kan­del ein af­gha­ni­scher Flücht­ling sei­ne 15-jäh­­ri­ge deut­sche Ex-Freun­din. Im Ja­nu­ar er­stach in Lü­nen ein 15-Jäh­ri­ger ei­nen 14-Jäh­ri­gen an ei­ner Schu­le. En­de Fe­bruar starb in Dort­mund ei­ne 15-Jäh­ri­ge bei ei­nem Streit un­ter Teen­agern durch ei­ne Stich­wun­de in der Brust. Letz­te Wo­che wur­de in Ber­lin ei­ne 14-Jäh­ri­ge von ei­nem 15-jäh­­ri­gen Mit­schü­ler mit deut­scher Staats­an­ge­hö­rig­keit er­sto­chen. Und just wäh­rend der Ro­sen­hei­mer De­bat­te er­eig­ne­te sich ein wei­te­rer Fall: Diens­tag­abend, 13. März, wur­de in Flens­burg Haft­be­fehl ge­gen ei­nen 18-jäh­­ri­gen Asyl­be­wer­ber aus Af­gha­nis­tan er­las­sen we­gen des Ver­dachts auf Tot­schlag ei­ner 17-Jäh­ri­gen. Die jun­ge Frau war tags zu­vor in ei­ner Woh­nung mit schwe­ren Stich­ver­let­zun­gen auf­ge­fun­den wor­den. Die Ret­tungs­kräf­te konn­ten ihr nicht mehr hel­fen. Sie ver­starb noch am Tat­ort. Die Ob­duk­tion ih­res Leich­nams er­gab, dass „die Ver­let­zun­gen für ei­ne Fremd­ein­wir­kung spre­chen“. Auch hier sind Hin­ter­grün­de und Mo­tiv der Tat noch un­ge­klärt. Laut Staats­an­walt­schaft le­be der Tat­ver­däch­ti­ge seit 2015 in Deutsch­land, sein Asyl­an­trag sei ab­ge­lehnt wor­den, die Ent­schei­dung aber nicht rechts­kräf­tig. 


Erstveröffentlichung

Print: Ro­sen­hei­mer blick, Inn­ta­ler blick, Mang­fall­ta­ler blick, Was­ser­bur­ger blick, 31. Jg., Nr. 11/2018, Sams­tag, 17. März 2018, S. 1/5, Ko­lum­ne „Leit­ar­ti­kel“ (Kurz­fas­sung) [144/3/ – / – ].
Online: ⭱ blick-punkt.com, Mitt­woch, 14. März 2018 (Lang­fas­sung); ⭱ E‑Paper Ro­sen­hei­mer blick, ⭱ E‑Paper Inn­ta­ler blick, ⭱ E‑Paper Mang­fall­ta­ler blick, ⭱ E‑Paper Was­ser­bur­ger blick, Sams­tag, 17. März 2018.
 

Dr. Olaf Konstantin Krueger M.A.

Digitaljournalist – Digitalpolitiker

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