Bundesverfassungsgericht zieht Grenzlinie
Hartz-IV-Sanktionen müssen abgemildert werden

Karlsruhe — Wen­de­punkt im Dauer­streit um „Hartz IV“: Die um­strit­te­nen Dis­zi­pli­nar­maß­nah­men der Job­cen­ter für ih­re „Kun­den“ sind ab so­fort ab­zu­mil­dern. Denn laut Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (BVerfG) sind die Sank­tio­nen zur Durch­set­zung der Mit­wir­kungs­pflich­ten beim Be­zug von Ar­beits­lo­sen­geld II teil­wei­se un­ver­ein­bar mit dem Grund­ge­setz. Ei­ne Leis­tungs­min­de­rung in Hö­he von 30 Pro­zent des maß­geb­li­chen Re­gel­be­darfs sei zwar nicht zu be­an­stan­den. Sank­tio­nen aber, die nach wie­der­hol­ten Pflicht­ver­let­zun­gen in­ner­halb ei­nes Jah­res die Hö­he von 30 Pro­zent des maß­ge­ben­den Re­gel­be­darfs über­stei­gen oder so­gar zu ei­nem voll­stän­di­gen Weg­fall der Leis­tun­gen füh­ren, sind un­zu­läs­sig. Glei­ches gilt für Sank­tio­nen, bei de­nen ei­ne star­re Dauer von drei Mo­na­ten vor­ge­ge­ben ist. Ent­spre­chen­de Be­schei­de kön­nen auch rück­wir­kend bis zum 1. Ja­nu­ar 2018 an­ge­foch­ten werden.

Rund vier Mil­lio­nen Per­so­nen be­zie­hen in Deutsch­land Ar­beits­lo­sen­geld II (ALG II) – um­gangs­sprach­lich: Hartz IV. ALG II stellt die Grund­si­che­rungs­leis­tung für er­werbs­fä­hi­ge Hil­fe­be­dürf­ti­ge nach dem So­zial­ge­setz­buch II (SGB II) dar und gilt als ⭲ Ar­muts­in­di­ka­tor. Für ei­nen al­lein­ste­hen­den Er­wach­se­nen be­trägt der Re­gel­satz 424 Eu­ro im Mo­nat. Die­ser steigt zum 1. Ja­nu­ar 2020 auf 432 Euro.

Auf den Ar­beits­markt hat das Sank­tions- und Zu­mut­bar­keits­re­gime ei­ne fa­ta­le Wirkung.
Dr. Hans Jürgen Urban, ge­schäfts­füh­ren­des Vor­stands­mit­glied der IG Metall, 5. No­vem­ber 2019

Un­ter dem Mot­to „För­dern und For­dern“ hat der Ge­setz­ge­ber die In­an­spruch­nah­me exis­tenz­si­chern­der Leis­tun­gen durch er­werbs­fä­hi­ge Be­zie­her von ALG II al­ler­dings an ver­hält­nis­mä­ßi­ge Mit­wir­kungs­pflich­ten ge­kop­pelt, die zum Über­win­den der ei­ge­nen Be­dürf­tig­keit füh­ren sol­len, und das Ver­let­zen der Pflich­ten sank­tio­niert, in­dem die staat­li­chen Leis­tun­gen vorüber­ge­hend ent­zo­gen wer­den kön­nen (sie­he §§ 31 ff. SGB II). So konn­te das Job­cen­ter bis­lang Leis­tungs­be­rech­tigte, die ih­ren Mit­wir­kungs­pflich­ten nicht nach­kom­men, ge­staf­felt dis­zi­pli­nie­ren – von ei­ner zehn­pro­zen­ti­gen Kür­zung bei klei­nen Ver­feh­lun­gen über ei­ne 30- oder 60-pro­­­zen­­ti­­ge Min­de­rung des Re­gel­sat­zes bis hin zum voll­stän­di­gen Ent­zug der Un­ter­stüt­zung. Ein­mal ver­hängt, galt die Sank­tion stets drei Mo­na­te lang. 2018 wur­den sol­cher­wei­se knapp 200.000 Per­so­nen, mit­hin fünf Pro­zent der Leis­tungs­be­rech­tig­ten, bestraft.

Men­schen­wür­di­ges Existenzminimum

Ver­fas­sungs­wi­drig ist laut BVerfG nun, er­werbs­fä­hi­gen Leis­tungs­be­rech­tig­ten, die in­ner­halb ei­nes Jah­res mehr­fach ne­ga­tiv auf­fal­len, das Ar­beits­lo­sen­geld II um 60 Pro­zent oder ganz zu strei­chen, über­dies die Kos­ten für Un­ter­kunft und Hei­zung ein­zu­be­hal­ten. Dies sei mit Blick auf das zu ge­währ­leis­ten­de men­schen­wür­di­ge Exis­tenz­mi­ni­mum un­zu­mut­bar. Bun­des­ar­beits­mi­nis­ter Hubertus Heil (SPD) muss jetzt ei­ne Ge­set­zes­än­de­rung vor­schla­gen und das Job­cen­ter die Ver­hält­nis­mä­ßig­keit ei­ner Stra­fe im Ein­zel­fall prüfen.

Men­schen, die oh­ne­hin am Exis­tenz­mi­ni­mum le­ben, dür­fen nicht noch in ei­ne Schul­den­spi­ra­le ge­ra­ten oder gar in die Woh­nungs- oder Ob­dach­lo­sig­keit ge­drängt werden.
Verena Bentele (SPD), Prä­si­den­tin vom „So­zial­ver­band VdK Deutsch­land e. V.“, 5. No­vem­ber 2019

Das BVerfG hat­te be­reits am 23. Ju­li 2014 er­klärt, dass zur Ge­währ­leis­tung ei­nes men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums die An­for­de­run­gen des Grund­ge­set­zes, tat­säch­lich für ei­ne men­schen­wür­di­ge Exis­tenz Sor­ge zu tra­gen, im Er­geb­nis nicht ver­fehlt wer­den dür­fen und dass die Hö­he exis­tenz­si­chern­der Leis­tun­gen ins­ge­samt trag­fä­hig be­gründ­bar sein muss. Dem Ge­setz­ge­ber sei es zwar mög­lich, aus der sta­tis­ti­schen Be­rech­nung der Hö­he exis­tenz­si­chern­der Leis­tun­gen ein­zel­ne Po­si­tio­nen heraus­zu­neh­men. „Der exis­tenz­si­chern­de Re­gel­be­darf muss je­doch ent­we­der ins­ge­samt so be­mes­sen sein, dass Un­ter­de­ckun­gen in­tern aus­ge­gli­chen oder durch An­spa­ren ge­deckt wer­den kön­nen, oder ist durch zu­sätz­li­che Leis­tungs­an­sprü­che zu si­chern.“ (1 BvL 10/12)

Die neuer­li­che Ent­schei­dung der Rich­ter des Ers­ten Se­nats kam ein­stim­mig. Vi­ze­ge­richts­prä­si­dent Stephan Harbarth er­läu­ter­te, die Wir­kung der Sank­tio­nen sei selbst 14 Jah­re nach Ein­füh­rung von ALG II noch nicht um­fas­send un­ter­sucht. Im Ver­fah­ren ging es we­der um klei­ne­re Ver­feh­lun­gen noch um be­son­ders schar­fe Sank­tio­nen für Leis­tungs­emp­fän­ger un­ter 25 Jah­ren. Aus­gangs­punkt war ein Fall beim So­zial­ge­richt im thü­rin­gi­schen Go­tha, bei dem ei­nem Ar­beits­lo­sen der Re­gel­satz um 234,60 Eu­ro ge­kürzt wur­de, weil er beim Job­cen­ter Er­furt ein Stel­len­an­ge­bot ab­ge­lehnt und Pro­be­ar­beit ver­wei­gert hat­te. 


Erstveröffentlichung

Print: Ro­sen­hei­mer blick, Inn­ta­ler blick, Mang­fall­ta­ler blick, Was­ser­bur­ger blick, 33. Jg., Nr. 45/2019, Sams­tag, 9. No­vem­ber 2019, S. 5, Ko­lum­ne „Po­li­tik“ [157/3/ – / – ]; Inn-Salz­ach blick, 10. Jg., Nr. 45/2019, Sams­tag, 9. No­vem­ber 2019, S. 5, Ko­lum­ne „Po­li­tik“ [162/3/1/ – ].
Online: ⭱ blick-punkt.com, Diens­tag, 5. No­vem­ber 2019; ⭱ E‑Paper Ro­sen­hei­mer blick, ⭱ E‑Paper Inn­ta­ler blick, ⭱ E‑Paper Mang­fall­ta­ler blick, ⭱ E‑Paper Was­ser­bur­ger blick, ⭱ E‑Paper Inn-Salz­ach blick, Sams­tag, 9. No­vem­ber 2019. Stand: Neu­jahr, 1. Ja­nu­ar 2020.
 

Dr. Olaf Konstantin Krueger M.A.

Digitaljournalist – Digitalpolitiker

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