Hilfesystem für gewaltbetroffene Frauen und ihre Kinder
Schröttle: „Der Bedarf ist nicht gedeckt!“

Rosenheim — Jede vier­te Frau er­lebt ab dem 16. Le­bens­jahr kör­per­li­che oder sexuel­le Ge­walt durch ei­nen Part­ner. 64 Pro­zent da­von mit Ver­let­zungs­fol­gen. Sechs Pro­zent der Frauen be­rich­ten von Mus­tern schwe­rer kör­per­li­cher, sexuel­ler und psy­chi­scher Miss­hand­lun­gen in der ak­tuel­len Paar­be­zie­hung. Wei­te­re elf Pro­zent von er­höh­ter psy­chi­scher Ge­walt. Ei­ne ak­tuel­le Stu­die hat das Hil­fe­sys­tem für ge­walt­be­trof­fe­ne Frauen und ih­re Kin­der in Bayern un­ter­sucht. Pro­jekt­lei­te­rin Dr. Monika Schröttle hat die Er­geb­nis­se für Süd­ost­bayern im Rat­haus Ro­sen­heim vor­ge­stellt.

Jähr­lich sind in Bayern über 140.000 Frauen akut von kör­per­li­cher oder sexuel­ler Part­ner­ge­walt be­trof­fen, da­r­un­ter 90.000 schwer. Über 55.000 Frauen wer­den Opfer von sexuel­ler Ge­walt im Er­wach­se­nen­le­ben. Nur ein klei­ner Teil von ih­nen – zwi­schen 6.000 und 9.000 Be­trof­fe­ne – sucht oder er­hält pro­fes­sio­nel­le Hil­fe im spe­zia­li­sier­ten Un­ter­stüt­zungs­sys­tem, zu dem Frauen­häu­ser und Fach­be­ra­tungs­stel­len ge­hö­ren. Ob und in wel­chem Maße sie die Ver­sor­gungs­eng­päs­se und ‑lü­cken schlie­ßen, war bis­lang un­klar.

Die „Stu­die zur Be­darfs­er­mitt­lung zum Hil­fe­sys­tem für ge­walt­be­trof­fe­ne Frauen und ih­re Kin­der in Bayern“ hat em­pi­risch und se­kun­där­ana­ly­tisch Da­ten er­ho­ben, um die ak­tuel­le Si­tua­tion zu er­fas­sen. Das For­schungs­pro­jekt wur­de vom Baye­ri­schen Staats­mi­nis­te­rium für Ar­beit und So­zia­les, Fa­mi­lie und In­te­gra­tion (StMAS) im Sep­tem­ber 2014 in Auf­trag ge­ge­ben und bis Ende 2015 un­ter der Lei­tung von Dr. Monika Schröttle am In­sti­tut für em­pi­ri­sche So­zio­lo­gie (IfeS) an der Uni­ver­si­tät Er­lan­gen-Nürn­berg durch­ge­führt. Für Süd­ost­bayern hat Schrött­le die Er­geb­nis­se se­pa­rat zu­sam­men­ge­fasst und rund 40 Ver­tre­ter­in­nen und Ver­tre­tern des Run­den Ti­sches „Häus­li­che Ge­walt“ von Stadt und Land­kreis Ro­sen­heim, der Fach­be­ra­tungs­stel­len aus den Land­krei­sen Mies­bach, Traun­stein und Berch­tes­ga­de­ner Land, den Ro­sen­hei­mer Stadt- und Kreis­rä­ten so­wie Kir­chen­ver­tre­tern vor­ge­stellt. Ih­nen sol­len die Er­geb­nis­se laut Beate Se­wald, Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­te der Stadt Ro­sen­heim, als Ent­schei­dungs­grund­la­ge die­nen.

Problemlagen in Bayern

Bayern­weit gibt es laut Schrött­le di­ver­se Lü­cken. Zu­nächst sei der Be­darf an Frauen­haus­plät­zen un­zu­rei­chend. Im Frei­staat wür­den min­des­tens so vie­le Frauen von Frauen­häu­sern aus Ka­pa­zi­täts­grün­den ab­ge­wie­sen wie auf­ge­nom­men wer­den kön­nen. Zu­rück­zu­füh­ren sei dies zum Teil auf feh­len­den Wohn­raum. Das zwin­ge Frauen oft, län­ger in den Frauen­häu­sern zu ver­blei­ben, wo­durch we­ni­ger Plät­ze für neue Schutz­su­chen­de frei wer­den. Zu­dem sei­en die Stel­len­ka­pa­zi­tä­ten in den Frauen­häu­sern für die fach­ge­rech­te Ar­beit un­zu­rei­chend. Und die Fi­nan­zie­rung sei viel­fach nicht so aus­ge­stal­tet, dass ei­ne Kos­ten­über­nah­me für aus­wär­ti­ge Frauen pro­blem­los ge­währ­leis­tet ist.

Zu­gleich sei­en die Ka­pa­zi­tä­ten für die Be­ra­tung ge­walt­be­trof­fe­ner Frauen in Frauen­be­ra­tungs­stel­len und Frauen­not­ru­fen vor dem Hin­ter­grund ei­nes sehr ho­hen Be­ra­tungs­auf­kom­mens und ei­ner er­for­der­li­chen er­höh­ten Be­ra­tungs­in­ten­si­tät deut­lich zu ge­ring be­mes­sen und de­cken den ak­tu­el­len Be­darf nicht. Außer­dem stün­den für Un­ter­stüt­zung und Be­glei­tung der Kin­der vor Ort zu we­ni­ge Mög­lich­kei­ten zur Ver­fü­gung. Für ge­walt­be­trof­fe­ne Frauen und de­ren Kin­der fehl­ten über­dies zeit­na­he The­ra­pie­mög­lich­kei­ten.

Be­stimm­te Ziel­grup­pen wie Flücht­lings­frauen, Frauen mit Mi­gra­tions­hin­ter­grund, Frauen, die von Zwangs­ver­hei­ra­tung, Men­schen­han­del und Zwangs­pros­ti­tu­tion be­trof­fen sind, Frauen mit Be­hin­de­run­gen, mit Sucht- und psy­chi­schen Er­kran­kun­gen oder mit Mul­ti­pro­blem­la­gen könn­ten durch die be­ste­hen­den An­ge­bo­te nur un­zu­rei­chend ge­schützt und un­ter­stützt wer­den. Schließ­lich sei mehr Ge­walt­prä­ven­tion er­for­der­lich und im Sin­ne ei­ner Ge­samt­ver­ant­wort­lich­keit ei­ne stär­ke­re Ko­opera­tion von kom­mu­na­ler Ebene und Lan­des­ebene.

Problemlage in Südostbayern

Im Groß­raum Mies­bach, Ro­sen­heim, Traun­stein und Berch­tes­ga­de­ner Land er­le­ben laut Be­rech­nun­gen von Schrött­le jähr­lich min­des­tens 3.000 Frauen er­zwun­ge­ne sexuel­le Ge­walt­hand­lun­gen. Wei­te­re knapp 8.000 Frauen sei­en von schwe­rer kör­per­li­cher/sexu­el­ler Miss­hand­lung durch den ak­tu­el­len Part­ner be­trof­fen. Zu­dem lie­ge die Zahl der Op­fer schwe­rer psy­chi­scher – oh­ne kör­per­li­che – Ge­walt bei 14.500. Min­des­tens rund 8.000 Frauen sei­en akut von schwe­rer kör­per­li­cher, sexuel­ler Part­ner­ge­walt be­trof­fen. Nur ein Teil von ih­nen su­che oder er­hal­te der­zeit pro­fes­sio­nel­le Hil­fe im spe­zia­li­sier­ten Un­ter­stüt­zungs­sys­tem für ge­walt­be­trof­fe­ne Frauen: bei­spiels­wei­se ver­zeich­ne­te der Frauen­not­ruf Ro­sen­heim letz­tes Jahr rund 1.000 Kon­tak­te. Den­noch müss­ten trotz Hil­fe­be­darfs Frauen ab­ge­wie­sen wer­den: Das Frauen­haus Ro­sen­heim konn­te 2015 rund 120 Frauen nicht auf­neh­men – da­r­un­ter 70 we­gen Platz­man­gels und 30 auf­grund nicht vor­han­de­ner re­gio­na­ler Zu­stän­dig­keit.

Der Eu­ro­pa­rats­kon­ven­tion zu­fol­ge soll­te ein Frauen­haus pro Re­gion vor­han­den sein, ein Fa­mi­lien­platz auf 10.000 Ein­woh­ner kom­men und ei­ne Fach­be­ra­tungs­stel­le für von se­xu­a­li­sier­ter Ge­walt be­trof­fe­ne Frauen für 200.000 Ein­woh­ner zur Ver­fü­gung ste­hen. Tat­säch­lich ha­be je­doch nicht je­der an­ge­spro­che­ne Land­kreis ein Frauen­haus, im Frei­staat wa­ren es im Jahr 2014 ins­ge­samt 40. Das von der Frauen­haus­ko­or­di­nie­rung emp­foh­le­ne Ver­hält­nis von ei­nem Schutz­platz pro 7.500 Ein­woh­ner lie­ge in der Re­gion le­dig­lich bei 1:85.560, das Ver­hält­nis von ei­nem Schutz­platz für die Kin­der der Frauen pro 7.500 Ein­woh­ner re­al nur bei 1:38.000. Selbst den Schlüs­sel der ge­mein­sa­men Emp­feh­lun­gen des Staats­mi­nis­te­riums, des Baye­ri­schen Land­kreis­ta­ges, des Baye­ri­schen Städte­ta­ges und des Ver­bands der baye­ri­schen Be­zir­ke wer­de nicht er­füllt. Schrött­le spricht da­her von ei­ner „star­ken Un­ter­ver­sor­gung“.

Ei­ne 90-pro­­­zen­­ti­­ge Aus­las­tung in Stadt und Land­kreis Ro­sen­heim füh­re in Spit­zen­zei­ten beim Frauen­haus zu ei­ner ho­hen Ab­wei­sungs­quo­te. Zu­gleich soll­te die ge­for­der­te Auf­ent­halts­dauer von drei Mo­na­ten um vier Wo­chen er­höht wer­den. Außer­dem fehl­ten ei­ne Trauma­am­bu­lanz und spe­ziel­le Zim­mer, die Räume sei­en nicht bar­riere­frei. Schwer er­reicht wür­den un­ter an­de­ren: be­hin­der­te und ob­dach­lo­se Frauen, Opfer von Men­schen­han­del und Ge­ni­tal­ver­stüm­me­lung, Flücht­lings­frauen und Frauen aus ge­ho­be­nen Bil­dungs- und So­zial­schich­ten. Die in­ter­in­sti­tu­tio­nel­le Ver­net­zung sei gut, aber ver­bes­se­rungs­wür­dig mit Blick auf die Ju­gend­äm­ter. So­wohl beim Frauen­haus als auch beim Frauen- und Mäd­chen­not­ruf soll­ten die Ka­pa­zi­tä­ten aus­ge­baut wer­den. Beide sei­en in der Re­gion zur fes­ten In­sti­tu­tion avan­ciert, ih­re Fi­nan­zie­rung wä­re je­doch schwie­rig.

Empfehlungen

Die Stu­die emp­fiehlt sechs Maß­nah­men: er­stens den Aus­bau der Frauen­haus­plät­ze und flan­kie­ren­de Maß­nahmen zur bes­se­ren Wei­ter­ver­mitt­lung frei­er Plät­ze, zwei­tens die Er­hö­hung der per­so­nel­len Ka­pa­zi­tä­ten in Frauen­häu­sern, Fach­be­ra­tungs­stel­len, Not­ru­fen und In­ter­ven­tions­stel­len, drit­tens die Über­ar­bei­tung der Baye­ri­schen Richt­li­nien für Frauen­häu­ser und Frauen­not­ru­fe, vier­tens Maß­nah­men zur Qua­li­täts­si­che­rung und zum ziel­grup­pen­spe­zi­fi­schen Aus­bau, fünf­tens den ge­ziel­ten Aus­bau von Prä­ven­tions­maß­nah­men im Be­reich pri­mä­rer, se­kun­dä­rer und ter­tiä­rer Prä­ven­tion so­wie sechs­tens das bayern­wei­te Ver­net­zen, Ko­or­di­nie­ren und Mo­ni­to­ring. Lang­fris­tig müs­se da­r­auf hin­ge­wirkt wer­den, dass Ge­walt ge­gen Frauen nach­hal­tig ab­ge­baut wer­de. Des­halb soll­te der Ge­walt­prä­ven­tion ho­he Prio­ri­tät zu­kom­men. Zu­dem soll­ten der Schutz und die Un­ter­stüt­zung ge­walt­be­trof­fe­ner Frauen und ih­rer Kin­der bayern­weit ge­währ­leis­tet wer­den. Die 135-sei­­ti­­ge Stu­die ist on­line ab­ruf­bar un­ter http://tinyurl.com/j6qloyz. 


Erstveröffentlichung

Print: Ro­sen­hei­mer blick, Inn­ta­ler blick, Mang­fall­ta­ler blick, Was­ser­bur­ger blick, 29. Jg., Nr. 31/2016, Sams­tag, 6. Au­gust 2016, S. 1/6, Ko­lum­ne „Leit­ar­ti­kel“ [161/5/ – /6].
Online: ⭱ blick-punkt.com, Don­ners­tag, 4. Au­gust 2016; ⭱ E‑Paper Ro­sen­hei­mer blick, ⭱ E‑Paper Inn­ta­ler blick, ⭱ E‑Paper Mang­fall­ta­ler blick, ⭱ E‑Paper Was­ser­bur­ger blick, Sams­tag, 6. Au­gust 2016. Stand: Neu­jahr, 1. Ja­nu­ar 2020.
 

Dr. Olaf Konstantin Krueger M.A.

Digitaljournalist – Digitalpolitiker

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