Digitalpolitik: konsolidiert – proaktiv – sozial
Krueger: „Grundrechte verteidigen – Digitalisierung humanisieren“

Kolbermoor — Die ober­baye­ri­schen PIRATEN en­tern zwölf Wo­chen vor der Wahl zum 20. Deut­schen Bun­des­tag den Mareis­saal in Kolbermoor: Die Piratenpartei Deutschland ver­an­stal­tet den Be­zirks­par­tei­tag Ober­bayern 2021.1 und den Kreis­par­tei­tag Rosenheim 2021.1, wählt ih­re Vor­stän­de neu und be­rei­tet den Bun­des­tags­wahl­kampf vor. In mei­ner Funk­tion als Po­li­ti­scher Ge­schäfts­füh­rer in Rosenheim er­läu­te­re ich in ei­nem Gruß­wort an die ober­baye­ri­schen Mit­glie­der und Funk­tions­trä­ger die in der Corona-Krise ein­ge­lei­te­ten Grund­rechts­ein­schrän­kun­gen, schil­de­re den punk­tu­ell for­cier­ten Di­gi­ta­li­sie­rungs­schub und ap­pel­lie­re an die di­­gi­­tal-kom­­pe­­ten­­te Zi­vil­ge­sell­schaft, au­to­ri­tä­ren Be­stre­bun­gen ent­ge­gen­zu­tre­ten so­wie wei­ter für ei­ne kon­so­li­dier­te, pro­ak­ti­ve und so­zia­le Di­gi­tal­po­li­tik ein­zu­ste­hen. Der Ti­tel: „Di­gi­tal­po­li­tik: kon­so­li­diert – pro­ak­tiv – so­zial. Grund­rech­te ver­tei­di­gen – Di­gi­ta­li­sie­rung humanisieren“.

Ahoi PIRATEN, wer­te Parteifreunde, sehr ge­ehr­te Gäste, ge­schätz­te Medien­ver­tre­ter! Der Kreis­ver­band Stadt und Land­kreis Rosenheim der Piraten­par­tei Deutsch­land freut sich, Sie nach 2014 und 2019 er­neut in Kolbermoor be­grü­ßen zu kön­nen – dies­mal zum ⭲ Be­zirks­par­tei­tag Oberbayern 2021.1 und an­schlie­ßend zum Kreis­par­tei­tag Rosenheim 2021.1. Im Nachgang zum hy­bri­den Bundesparteitag fin­den die­se bei­den Par­tei­ta­ge wie­der ana­log statt. Da­bei sind die be­hörd­lich vor­ge­schrie­be­nen Maß­nah­men zur Ein­däm­mung der Ver­brei­tung des ⭲ neu­ar­ti­gen Coronavirus’ (SARS-CoV‑2) im­ple­men­tiert. Das re­gio­na­le In­fek­tions­ge­sche­hen ist laut Ge­sund­heits­amt Rosenheim seit ei­nem Monat rück­läu­fig: in der kreis­freien Stadt seit 6. Mai, im Land­kreis Rosenheim seit 11. Mai. Die 7‑Tage-Inzidenz (7‑TI) von 50 wird ge­mäß Sta­tis­tik des Robert Koch-In­sti­tuts (RKI) in der Stadt seit 24. Mai und im Land­kreis seit 26. Mai un­ter­schrit­ten. Ein­stel­lig sind die Wer­te der 7‑TI in der Stadt seit 18. Ju­ni, im Land­kreis seit 24. Juni.

Zu den Parteitagen: Wir dis­ku­tie­ren ers­tens die Tä­tig­keits- und Re­chen­schafts­be­rich­te 2019 – 2021 der am­tie­ren­den Vor­stän­de, be­fin­den zwei­tens im Blick zu­rück über die Par­tei­ar­beit wäh­rend der Corona-Krise 2020/2021 und wäh­len drit­tens mit Blick vor­aus den 15. Be­zirks­vor­stand und den ach­ten Kreis­vor­stand für das Wahl­jahr 2021 und die Amts­perio­den 2021/2022. Ein Dank geht an die Generalsekretäre der Piraten­par­tei, an die Netz­wer­ker in der PiratenIT und an die Re­dak­teu­re der PIRATEN-Pub­li­ka­tion „Fla­schen­post“. Zu den ak­tu­el­len po­li­ti­schen Rah­men­be­din­gun­gen ein paar ein­lei­ten­de Worte.

Corona-Krise bewältigen – Grundrechte verteidigen

Der 3. Ju­li 2021 ist ein be­deut­sa­mes Da­tum für die Ge­samt­par­tei: Der aus­tra­li­sche Jour­na­list und Mit­be­grün­der von Wikileaks, Julian Paul Assange, be­geht sei­nen 50. Ge­burts­tag. Ne­ben dem US-ame­ri­ka­ni­schen Whistle­blo­wer und ehe­ma­li­gen CIA-Mit­ar­bei­ter Edward Snowden ist Assange we­gen sei­ner Ent­hül­lun­gen qua­si ei­ne di­gi­tal­po­li­ti­sche Ikone. Aus dem Ein­satz bei­der für Mei­nungs­frei­heit, Trans­pa­renz und Netz­si­cher­heit speist sich die Ab­wehr­hal­tung der di­­gi­­tal-kom­­pe­­ten­­ten Zi­vil­ge­sell­schaft ge­gen­über ge­heim­dienst­li­chen Über­wa­chungs- und Spio­na­ge­prak­ti­ken so­wie po­li­ti­schen Zen­sur­be­stre­bun­gen im In­ter­net. In die­sem Sin­ne be­tont denn auch das Grund­satz­pro­gramm der Piraten­par­tei Deutsch­land Ge­wal­ten­tei­lung und Bür­ger­rech­te, ge­sell­schaft­li­che Teil­ha­be und si­che­re Exis­tenz, in­for­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung und In­for­ma­tions­frei­heit, ethi­sche Neu­tra­li­tät und Ideo­lo­gie­frei­heit der Wis­sen­schaft so­wie den Whistleblowerschutz.

Doch was noch ab­we­gig er­schien in den hit­zig ge­führ­ten Debatten

das er­folg­te in der Corona-Krise 2020 be­mer­kens­wert widerstandsarm.

Haupt­säch­lich ge­stützt auf um­strit­te­ne PCR-Tests und ad­mi­nis­tra­tiv fest­ge­leg­te In­zi­denz­wer­te hat die Exe­ku­ti­ve auf bis­lang bei­spiel­lo­se Wei­se ele­men­ta­re Bür­ger­rech­te über No­vel­len des In­fek­tions­schutz­ge­set­zes (IfSG) ein­ge­schränkt. Über­dies rührt das mit­tels § 28b IfSG au­to­ma­ti­sier­te Durch­re­gie­ren des Bun­des in die Kom­mu­nen an den Grund­fes­ten des Fö­de­ra­lis­mus. Oh­ne Be­rück­sich­ti­gung des Par­la­ments­vor­be­halts be­rat­schlagt und be­schließt ein ver­fas­sungs­recht­lich un­be­kann­tes Gre­mium aus Mi­nis­ter­prä­si­den­ten und Bun­des­kanz­le­rin das stets al­ter­na­tiv­lo­se Vor­ge­hen. Die Zu­stim­mung von Bun­des­tag und Bun­des­rat ist auf­grund der Mehr­heits­ver­hält­nis­se Form­sa­che, die Hal­tung des Bun­des­prä­si­den­ten elo­quent. Und ob­wohl die am 16. April be­schlos­se­ne „Bundes-Notbremse“ – kon­kret: das Vier­te Ge­setz zum Schutz der Be­völ­ke­rung bei ei­ner epi­de­mi­schen La­ge von na­tio­na­ler Trag­weite – bis zum 30. Ju­ni be­fris­tet war, plä­die­ren so­wohl der Städte- und Ge­mein­de­bund als auch der Städte­tag für de­ren Re­ak­ti­vie­rung, so­bald die In­zi­den­zen er­neut stei­gen. Nur der Land­kreis­tag be­zwei­felt die Taug­lich­keit ei­nes Bun­des­ge­set­zes als pass­ge­naue Lö­sung für höchst un­ter­schied­li­che Si­tua­tio­nen vor Ort.

Während der Autoritarismus um sich greift, sich Notstandsgesetze ver­brei­ten
und wir un­se­re Rechte op­fern, be­rau­ben wir uns auch un­se­rer Möglichkeit,
das Abrutschen in ei­ne we­ni­ger li­be­ra­le und we­ni­ger freie Welt aufzuhalten.
Edward Joseph „Ed“ Snowden, US-ame­ri­ka­ni­scher Whistleblower und ehe­ma­li­gen CIA-Mitarbeiter,
23. März 2021 (CPH:DOX)

Im Zentrum der po­li­ti­schen, ju­ris­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Debatte steht da­mit wei­ter­hin die Fra­ge, in­wie­weit die staat­li­che Schutz­pflicht für Le­ben und kör­per­li­che Un­ver­sehrt­heit in an­de­re ⭲ Grund­rech­te ein­grei­fen kann, wenn die Frei­heits­rech­te doch in al­len Le­bens­la­gen nur ge­rin­ge Be­schrän­kun­gen zulassen.

Fakt ist: War das ho­heit­li­che Corona-Kri­sen­ma­na­ge­ment zu­nächst von in­di­vi­du­el­len Ein­griffs­maß­nah­men wie ⭲ Hygiene- und Ab­stands­vor­schrif­ten be­stimmt, so las­sen die all­ge­mei­nen Be­schrän­kun­gen seit dem ers­ten Lockdown ⭲ kaum ei­nen grund­rechts­ge­schütz­ten Be­reich un­an­ge­tas­tet. So sind fol­gen­de im Grund­ge­setz (GG) fest­ge­schrie­be­ne Grund­rech­te be­trof­fen oder beschränkt:

  • die Verpflichtung al­ler staat­li­chen Gewalt zur Achtung der Menschenwürde (Art. 1 Abs. 1 S. 2 GG),
  • das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit (Art. 2 Abs. 1 GG),
  • das Recht auf Leben und kör­per­li­che Unversehrtheit (Art. 2 Abs. 2 S. 1 GG),
  • die Freiheit der Person (Art. 2 Abs. 2 S. 2 GG),
  • die Religionsfreiheit (Art. 4 Abs. 2 GG),
  • die Kunstfreiheit (Art. 5 Abs. 3 GG),
  • der Schutz von Ehe und Familie (Art. 6 Abs. 1 GG),
  • die Versammlungsfreiheit (Art. 8 Abs. 1 GG),
  • die Vereinigungsfreiheit (Art. 9 GG),
  • die Freizügigkeit (Art. 11 GG),
  • die Freiheit der Berufswahl (Art. 12 Abs. 1 GG) so­wie
  • die Gewährleistung von Eigentum (Art. 14 GG).

Während nun Juristen dar­über strei­ten, in­wie­fern die­se tief­grei­fen­den Ein­schrän­kun­gen noch im Ein­klang mit dem Über­maß­ver­bot (Art. 20 Abs. 3 GG) ste­hen und das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (BVerfG) kei­ne ein­zi­ge Haupt­sa­che­ent­schei­dung be­züg­lich der Lockdowns ge­trof­fen hat, ha­ben die bis­lang 15 Mo­na­te der Frei­heits­be­schrän­kun­gen schon zweier­lei be­wirkt: ei­ner­seits ir­re­ver­sib­le (psy­cho-)so­zia­le, kul­tu­rel­le und wirt­schaft­li­che ⭲ „Kol­la­te­ral­schä­den“, an­de­rer­seits ei­nen ab­sur­den ⭲ Recht­fer­ti­gungs­druck bei der Wahr­neh­mung grund­recht­lich ge­schütz­ter Freiheiten.

So ver­mischt sich ge­ra­de in der ⭲ Impf-Frage die Sphä­re des Pri­va­ten mit je­ner des Öf­fent­li­chen. Ein Bei­spiel da­für ist der medien­wirk­sa­me Dis­put in die­ser Wo­che zwi­schen Mi­nis­ter­prä­si­dent Dr. Markus Söder (CSU) und Hubert Aiwanger (Freie Wähler), Staats­mi­nis­ter für Wirt­schaft, Lan­des­ent­wick­lung und Ener­gie. Vor dem Hin­ter­grund, dass na­he­zu al­le Ka­bi­netts­mit­glie­der au­ßer ihm ge­impft sei­en, hat Aiwanger ver­deut­licht, die Imp­fung sei ei­ne per­sön­li­che Ent­schei­dung und öf­fent­li­cher Druck unangemessen.

Dabei soll­ten doch viel­mehr die Grundrechtseingriffe mit zu­neh­men­der Dauer und bes­se­rem wis­sen­schaft­li­chen Er­kennt­nis­stand über die Be­grün­dun­gen der „epi­de­mi­sche La­ge von na­tio­na­ler Trag­wei­te“ deut­lich hö­he­ren Recht­fer­ti­gungs­an­for­de­run­gen aus­ge­setzt sein. Statt­des­sen be­fin­den sich die po­li­ti­schen Haupt­ak­teu­re an­ge­sichts im­mer neu­er Virus-Va­rian­ten in ei­nem pa­ni­schen Über­bie­tungs­wett­be­werb bei For­de­run­gen nach dras­ti­sche­ren Ein­grif­fen in die Frei­heits­rech­te. So mein­te noch letz­te Wo­che Baden-Württembergs Mi­nis­ter­prä­si­dent Winfried Kretschmann (Bünd­nis 90/DIE GRÜ­NEN), har­ten Ein­grif­fen in die Bür­ger­frei­hei­ten und wei­te­ren Grund­ge­setz­än­de­run­gen das Wort re­den zu kön­nen. Kretschmanns evi­dent ver­fas­sungs­wi­dri­ger Vor­stoß für ein Re­gime­wech­sel ist zwar kri­ti­siert wor­den und der Bünd­nis­grü­ne da­nach zu­rück­ge­ru­dert, doch das Bei­spiel zeigt, wie wich­tig das Ein­tre­ten für die Bür­ger­rech­te mitt­ler­wei­le ist.

Kretschmann aber vor­zu­wer­fen, er schmä­le­re das Ver­trauen in die Corona-Maß­nah­men, ist wohl­feil ob der Reihe bun­des­po­li­tisch be­deut­sa­mer Skan­da­le und Fehl­ent­schei­dun­gen im bis­he­ri­gen Kri­sen­ma­na­ge­ment. Ei­ni­ge Beispiele:

  • Hartz IV-Skandal“ – Tafel-Schließungen, Hauptzeitpunkt April 2020,
  • Betrugsfälle bei Corona-Subventionen – Mai 2020),
  • Corona-Panne“ in Bayern – Rück­tritts­an­ge­bot von Melanie Huml, MdL (CSU), Baye­ri­sche Staats­mi­nis­te­rin für Ge­sund­heit und Pfle­ge im Ka­bi­nett Söder II, an Mi­nis­ter­prä­si­dent Dr. Markus Söder, MdL (CSU), we­gen miss­glück­ter Corona-Tests von Rei­se­rück­keh­rern, Au­gust 2020,
  • Ungenauigkeit von PCR-Tests – Oktober 2020,
  • Auszahlungsverzögerung bei Corona-Hilfen – De­zem­ber 2020,
  • Candy Crush-Eklat“ – Clubhouse-Statement von Thüringens Mi­nis­ter­prä­si­dent Bodo Ramelow, MdL (DIE LINKE), Ja­nu­ar 2021,
  • Impfstoff-Ärger“ – Logistikdesaster, März 2021,
  • Corona-Maskensumpf“ – ho­he Pro­vi­sio­nen für Ge­schäf­te mit Corona-Schutz­mas­ken, März 2021,
  • Konzeptlosigkeit für den SORMAS-Einsatz – Roll-Out der Soft­ware für Ge­sund­heits­äm­ter, März 2021,
  • Datenschutz-Skandal bei Corona-Tests“ – April 2021,
  • Abrechnungsskandal in Corona-Testzentren“ – Ju­ni 2021, und
  • Intensivbettenskandal“ – fu­ßend auf ei­nem Bericht des Bun­des­rech­nungs­hofs (BRH), Ju­ni 2021.

Kurz: ⭲ Gesundheitsschutz recht­fer­tigt nicht jed­we­den Freiheitseingriff, wie der ehe­ma­li­ge Prä­si­dent des BVerfG Prof. em. Dr. Dres.h.c. Hans-Jürgen Papier be­tont. Frei­heits­be­schrän­kun­gen sind nur so weit und so­lan­ge zu­läs­sig, wie sie ver­hält­nis­mä­ßig sind, das heißt, ge­eig­net, er­for­der­lich und angemessen.

Corona-Krise als Beschleuniger der digitalen Transformation

Fakt ist: Lockdowns ver­ur­sa­chen man­nig­fa­che ⭲ „Kollateralschäden“. Al­lein die durch Ab­stands- und Hy­gie­ne­re­geln, Mas­ken­pflicht, Social Distancing-Ge­bot, Qua­ran­tä­ne-Maß­nah­men, Aus­gangs­sper­ren und Rei­se­ver­bo­te be­wirk­ten Ver­wer­fun­gen wis­sen­schaft­lich zu ana­ly­sie­ren bö­te Raum für ei­ne Rei­he in­ter­dis­zi­pli­nä­rer Studien.

Zutreffend ist aber auch ei­ne an­de­re Beobachtung: Die Corona-Krise be­schleu­nigt Au­to­ma­tion, Ro­bo­te­ri­sie­rung und Di­gi­ta­li­sie­rung. Sie ist Ka­ta­ly­sa­tor für die Durch­set­zung vor­han­de­ner In­for­ma­tions- und Kom­mu­ni­ka­tions­tech­no­lo­gien so­wie Kon­zep­ten wie Remote Working, Homeoffice, Homeschooling und Online-Shopping.

Die Industrie-Roboter be­fin­den sich in ei­ner Pole-Position, wenn es dar­um geht,
die tra­di­tio­nel­le Produktion mit ‚Digitalstrategien’ zu verbinden.
Dr. Susanne Bieller, Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin der International Federation of Robotics (IFR), 17. Fe­bru­ar 2021

Laut ei­ner Studie von Bitkom Research im Auf­trag der Ini­tia­ti­ve „Di­gi­tal für al­le“ sind jetzt di­gi­ta­le Tech­no­lo­gien für 90 Pro­zent der re­prä­sen­ta­tiv Be­frag­ten nicht mehr weg­zu­den­ken. Ih­nen wird in fast al­len Le­bens­be­rei­chen gro­ße Be­deu­tung bei­ge­mes­sen. Und ge­mäß ei­ner in die­ser Wo­che ver­öf­fent­lich­ten Stu­die der DAK-Ge­sund­heit wol­len neun von zehn Home­office-Be­schäf­tig­te in Bayern auch nach dem Ende der ge­setz­li­chen Pflicht min­des­tens ein Vier­tel ih­rer Zeit zu Hau­se ar­bei­ten. Be­acht­lich: Der Er­he­bung zu­fol­ge wa­ren wäh­rend der zwei­ten Wel­le rund 40 Pro­zent der Be­schäf­tig­ten in Bayern im Home­office – „bei ho­her Ar­beits­zu­frie­den­heit und Produktivität“.

Vor die­sem Hintergrund ist die dies­wö­chi­ge Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen der Bun­des­ver­ei­ni­gung der Deut­schen Ar­beit­ge­ber­ver­bän­de (BDA) und dem Deut­schen Ge­werk­schafts­bund (DGB) um ei­ne Re­gu­lie­rung von Home­office und mo­bi­lem Ar­bei­ten aus di­gi­tal­po­li­ti­scher Sicht zwin­gend – un­ab­hän­gig da­von, ob am En­de tat­säch­lich ein Rechts­an­spruch mit an­ge­mes­se­nem Ar­beits­schutz und zu­sätz­li­cher Mit­be­stim­mung steht.

Die al­go­rith­men­ge­steu­er­te Aufmerksamkeitsökonomie im Netz
ze­men­tiert Teilöffentlichkeiten, be­för­dert Hass und Desinformation
und po­la­ri­siert un­se­re Gesellschaften.
Dr. Wolfgang Schäuble, MdB (CDU), Prä­si­dent des Deut­schen Bun­des­ta­ges, 10. Mai 2021 (dpa/A3E08D)

Womöglich ist die Digitalisierung aber auch Weg­be­rei­ter für Mas­sen­über­wa­chungs- und Scoring-Me­tho­den wie sie bis­lang nur aus au­to­ri­tä­ren Kon­tex­ten be­kannt sind. So hat das Bun­des­mi­nis­te­rium für Bil­dung und For­schung (BMBF) die­se Wo­che die Stu­die „Zu­kunft von Wert­vor­stel­lun­gen der Men­schen in un­se­rem Land“ vor­ge­stellt. Die Stu­die lei­tet auf der Grund­la­ge von Wert­vor­stel­lun­gen sechs Sze­na­rien für die 2030‍er-Jah­re ab. Dar­un­ter ist ein „Bo­nus-Sys­tem“, an­hand des­sen Staat und po­li­ti­sche In­sti­tu­tio­nen be­stimm­te Zie­le über An­rei­ze zur Ver­hal­tens­än­de­rung ver­wirk­li­chen. Je­des In­di­vi­du­um wird ein­deu­tig iden­ti­fi­zier­bar, sei­ne Ab­sich­ten prog­nos­ti­zier­bar, sei­ne Hand­lun­gen transparent.

Kurz: Ein di­gi­ta­les, par­ti­zi­pa­tiv aus­ver­han­del­tes Punktesystem über­nimmt ei­ne zen­tra­le po­­li­­tisch-ge­­sel­l­­schaf­t­­li­che Prog­no­se- und Steue­rungs­funk­tion. Über das Sam­meln von Punk­ten – bei­spiels­wei­se durch re­gel­kon­for­mes Ver­kehrs­ver­hal­ten, Ehren­amt oder Organ­spen­de – steigt die so­zia­le An­er­ken­nung und Boni er­öff­nen Vor­tei­le im All­tag – et­wa ver­kürz­te War­te­zei­ten für ge­wis­se Stu­dien­gän­ge. Das ge­sell­schaft­li­che Wer­te­set wird ho­mo­ge­ni­siert. Die Stu­die er­gänzt, dass die Corona-Krise „die At­trak­ti­vi­tät von auf Big Data ba­sie­ren­dem Au­to­ri­ta­ris­mus“ zu stei­gern vermag.

Ein 2030 ver­wirk­lich­tes „Bonus-System“ wi­der­spricht al­ler­dings so­zial­di­gi­ta­len Vor­stel­lun­gen von ei­ner hu­ma­nen, plu­ra­len, di­­gi­­tal-kom­­pe­­ten­­ten Zi­vil­ge­sell­schaft. Es be­grün­det die Not­wen­dig­keit, sich in den kon­flik­tä­ren Aus­hand­lungs­pro­zess über Wer­te und ih­re In­hal­te ein­zu­brin­gen, um den Weg in ei­ne frei­heit­li­che Zu­kunft zu eb­nen. Denn: Die Di­gi­ta­li­sie­rung ist der Wür­de des Men­schen ent­spre­chend zu gestalten.

Digitalisierung der Kommunen

Unterdessen hat die Corona-Krise erst ein­mal die ⭲ Mängel der Di­gi­ta­li­sie­rung vor Au­gen ge­führt. So ha­ben neun von zehn Bun­des­bür­ger (88 Pro­zent) der­zeit den Ein­druck, die Po­li­tik ver­schleppt die Di­gi­ta­li­sie­rung. 94 Pro­zent se­hen „gra­vie­ren­de De­fi­zi­te“. Mehr als die Hälf­te (55 Pro­zent) ist mit den Online-Dienst­leis­tun­gen der Be­hör­den un­zu­frie­den. Das be­sagt der „Di­gi­ta­li­sie­rungs­mo­ni­tor 2021“, ei­ne re­prä­sen­ta­ti­ve Be­fra­gung des Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tuts for­sa im Auf­trag der FDP-Bun­des­tags­frak­tion.

Besonders un­ter Druck: ⭲ die Kommunen. In der Corona-Krise ist der her­kömm­li­che Bür­ger­kon­takt aus In­fek­tions­schutz­grün­den auf ein Mi­ni­mum re­du­ziert wor­den. Im Eil­ver­fah­ren ein­ge­führt wur­den bei­spiels­wei­se Be­su­cher­steue­rung per Tele­fon oder E‑Mail, Home­office-Re­ge­lun­gen und Rat­sit­zun­gen per Videokonferenz.

Den Kommunalfinanzen droht Long COVID.
Dr. Friederike „Fritzi“ Köhler-Geib, Chefvolkswirtin der KfW Bankengruppe, 6. Mai 2021 (dpa/A317B3)

Fakt ist: Das „Gesetz zur Verbesserung des Onlinezugangs zu Ver­wal­tungs­leis­tun­gen (On­line­zu­gangs­ge­setz – OZG)“ ver­pflich­tet Bund, Län­der und Kom­mu­nen längst, ih­re Ver­wal­tungs­leis­tun­gen bis zum 31. De­zem­ber 2022 über Ver­wal­tungs­por­ta­le auch di­gi­tal an­zu­bie­ten. Prio­ri­tär um­zu­set­zen sind von den knapp 6.000 Leis­tun­gen ins­ge­samt 575. Auß­er­dem un­ter­stützt der Frei­staat Bayern die Kom­mu­nen über die „Richt­li­nie zur För­de­rung der Be­reit­stel­lung von Online-Diens­ten im kom­mu­na­len Be­reich (För­der­richt­li­nie di­gi­ta­les Rat­haus – FöRdR)“: Be­zir­ke, Land­kreise, Städ­te und Ge­mein­den wer­den mit ins­ge­samt 42,68 Mil­lio­nen Euro gefördert.

Der ⭱ Bezirk Oberbayern hat über­dies ei­ne ⭱ „Zu­kunfts­stra­te­gie 2030+“ mit sie­ben „Hand­lungs­fel­dern“ ent­fal­tet, dar­un­ter das der Di­gi­ta­li­sie­rung. Hier sol­len Ar­beits­ab­läu­fe und Kom­mu­ni­ka­tions­we­ge in­ner­halb der Ver­wal­tung durch Nut­zung di­gi­ta­ler Tech­no­lo­gien bür­ger­orien­tiert op­ti­miert wer­den. Alle sinn­voll um­stell­ba­ren Leis­tun­gen des Be­zirks sol­len künf­tig di­gi­tal zur Ver­fü­gung ste­hen, um An­lie­gen schnell und nut­zungs­freund­lich zu be­ar­bei­ten. Die Wei­ter­ent­wick­lung des E‑Governments zeigt sich auch in die­ser Re­gion. Zwei Bei­spie­le der letz­ten Tage:

Rosenheim. Die Stadtverwaltung er­hält im Rah­men des FöRdR ei­nen For­mu­lar­ser­ver. Das ⭲ Baye­ri­sche Staats­mi­nis­te­rium für Di­gi­ta­les (StMD) för­dert den Er­werb mit 20.000 Euro.

Mühldorf a.Inn. Das Land­rats­amt bie­tet in ver­schie­de­nen Fach­be­rei­chen kos­ten­freie vir­tu­el­le Sprech­stun­den an: vom All­ge­mei­nen So­zial­dienst über die Aus­bil­dungs­ak­qui­se bis hin zur Schwan­ge­ren­be­ra­tung. Die Nut­zung er­folgt nach Ter­min­ver­ein­ba­rung brow­ser­ba­siert über das Web­kon­fe­renz­sys­tem BigBlueButton. Al­le da­ten­schutz­recht­li­chen An­for­de­run­gen der Eu­ro­päi­schen Da­ten­schutz­grund­ver­ord­nung (EU-DSGVO) wer­den eingehalten.

Wer sich di­gi­tal auf­stellt, kann nicht nur Krisenzeiten bes­ser über­ste­hen,
son­dern wird da­von auch in ei­ner Nach-Lockdown-Zeit profitieren.
Achim Berg, Prä­si­dent des Digital­ver­bands Bitkom, 5. Mai 2021 (dpa/A2EA71)

Trotz­dem er­folgt die di­gi­ta­le Trans­for­ma­tion man­gels ein­mü­ti­ger Stra­te­gie nur in ⭲ Trip­pel­schrit­ten und oben­drein noch wi­der­sprüch­lich. Beispiel:

Eine Contact Tracing App wie die ⭲ Corona-Warn-App (CWA) des RKI, die der de­zen­tra­len Kon­takt­nach­ver­fol­gung dient, ist un­ter Be­tei­li­gung der PIRATEN pro­gram­miert wor­den und er­füllt ho­he Da­ten­schutz­stan­dards. Sie ist in­zwi­schen 28 Mil­lio­nen Mal herun­ter­ge­la­den wor­den und wird künf­tig auch den ge­plan­ten di­gi­ta­len Impf­nach­weis an­zei­gen. Den­noch emp­feh­len Bun­des­län­der wie Bayern, Hessen und Niedersachsen die pri­vat­wirt­schaft­li­che Luca-App, bei der et­li­che Da­ten­schüt­zer, IT-Si­cher­heits­ex­per­ten und Wis­sen­schaft­ler Be­den­ken äu­ßern ob der zen­tra­len Spei­che­rung der Daten.

Wir sind in ei­nem Epochenwechsel.
Dr. Angela Merkel, MdB (CDU), Bun­des­kanz­le­rin der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, 21. Ju­ni 2021 (dpa/AC3FC0)

Kurz: Die Corona-Krise hat ei­nen zu­sätz­li­chen, aber re­gel­freien Di­gi­ta­li­sie­rungs­schub be­wirkt. Die Große Koa­li­tion hat zwar die meis­ten ih­rer ge­plan­ten Di­gi­tal­vor­ha­ben um­ge­setzt, das Er­geb­nis ist den­noch ⭲ Flick­werk. Die ad­mi­nis­tra­ti­ve Auf­tei­lung der Di­gi­tal­kom­pe­ten­zen auf di­ver­se Res­sorts er­kennt nun selbst der Mi­nis­ter­prä­si­dent von Nord­rhein-West­fa­len und Kanz­ler­kan­di­dat Armin Laschet (CDU) als nicht sinn­voll an. Die Zeit ist über­reif für ei­ne ⭲ kon­so­li­dier­te, pro­ak­ti­ve und so­zia­le Di­gi­tal­po­li­tik, für ein ei­ge­nes ⭲ Di­gi­tal­mi­nis­te­rium auf Bun­des­ebe­ne.

Werteset popularisieren – Digitalisierung humanisieren

Corona-Krise, Grundrechtseinschränkungen, Digitalchaos: Die po­li­ti­schen Rah­men­be­din­gun­gen für den Be­zirks­vor­stand Oberbayern und den Kreis­vor­stand Rosenheim sind schwie­rig. Gleich­wohl ist die Sta­bi­li­tät der Kern­struk­tu­ren auch in den ver­gan­ge­nen 15 Mo­na­ten der Corona-Krise ein Be­leg für die Ro­bust­heit der Piraten­par­tei. Und die neuer­li­che Teil­nah­me der PIRATEN an der Bun­des­tags­wahl zeugt von der Wert­be­stän­dig­keit un­se­rer in­ter­na­tio­na­len di­gi­ta­len Bürgerrechtsbewegung.

Im be­vor­ste­hen­den hy­bri­den Bundestagswahlkampf liegt der Schwer­punkt der Piraten­par­tei Deutsch­land ge­mäß der LimeSurvey vom 20. April auf den Frei­heits- und Grund­rech­ten im Kon­text der Di­gi­ta­li­sie­rung. Aus­gangs­punkt muss die voll­stän­di­ge Wie­der­her­stel­lung der Grund­rech­te und des Grund­sat­zes der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit im Han­deln des Staa­tes sein. Stra­te­gi­sches Ziel wird sein, die Flick­schus­te­rei bei der di­gi­ta­len Trans­for­ma­tion zu be­en­den und die Di­gi­ta­li­sie­rung zu hu­ma­ni­sie­ren. Da­zu ist das Wer­te­set ei­ner kon­so­li­dier­ten, pro­ak­ti­ven und so­zia­len Di­gi­tal­po­li­tik in den kon­flik­tä­ren Aus­hand­lungs­pro­zess ein­zu­brin­gen. Dies muss über star­ke Re­prä­sen­tanz im öf­fent­li­chen wie im par­la­men­ta­ri­schen Raum ge­sche­hen. Da­für wün­sche ich den neu­en Vor­stän­den Kraft und Erfolg.

Klarmachen zum Ändern! 

Pressekontakt
 

Dr. Olaf Konstantin Krueger M.A.

Digitaljournalist – Digitalpolitiker

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