Initiative „Wir stehen zusammen“ fordert Betriebsöffnungen
Dettendorfer: „Viele brauchen bereits ihre Altersvorsorge auf“

Rosenheim — Medienkampagnen, Ver­samm­lun­gen im Süden Oberbayerns und die Groß­kund­ge­bung „Hand in Hand für den Mit­tel­stand“ mit rund 1.300 De­mon­stran­ten im Mangfallpark Rosenheim: Die Un­ter­neh­mer-Ini­tia­ti­ve „Wir ste­hen zu­sam­men“ warnt seit zwei Mo­na­ten vor den „Kol­la­te­ral­schä­den“ der Corona-Maß­nah­men. Ge­tra­gen wird die Ini­tia­ti­ve von knapp 4.400 Be­trie­ben mit über 47.000 Ar­beits­plät­zen. Da­von kom­men al­lei­ne aus den Schwer­punkt-Land­krei­sen Rosenheim und Miesbach über 1.500 Un­ter­neh­men mit rund 17.000 Ar­beits­plät­zen. Mit „Durch­hal­te­pa­ro­len“ wol­len sich die Mit­tel­ständ­ler nicht mehr zu­frie­den­ge­ben. Markus Dettendorfer, Ge­schäfts­füh­rer der Det­ten­dor­fer Ma­schi­nen­bau GmbH in Söchtenau und Mit­ini­tia­tor, er­klärt ih­re Anliegen.

Krueger. Die in der Ini­tia­ti­ve „Wir ste­hen zu­sam­men“ en­ga­gier­ten mit­tel­stän­di­schen Un­ter­neh­mer ver­ste­hen sich als par­tei­po­li­tisch un­ab­hän­gig, wol­len sich für ei­ne rechts­staat­li­che und freie Ge­sell­schaft ein­set­zen so­wie vom Ex­tre­mis­mus dis­tan­zie­ren. Ihr Fo­kus sei der Mit­tel­stand: das Über­le­ben von Be­trie­ben, der Schutz von Ar­beits- und Aus­bil­dungs­plät­zen. Wel­che kon­kre­ten Pro­ble­me ver­an­las­sen die Un­ter­neh­mer im 13. Mo­nat der Corona-Krise zum or­ga­ni­sier­ten Protest?

Dettendorfer. Viele un­se­rer Mitzeichner ha­ben seit ei­nem Jahr deut­li­che Aus­fäl­le in ih­ren Um­sät­zen, Kurz­ar­beit oder durch Schlie­ßun­gen so­gar fak­tisch Be­rufs­ver­bot. Die dar­aus fol­gen­den fi­nan­ziel­len Nach­tei­le kön­nen von ei­ni­gen durch das Auf­brau­chen von Rück­la­gen aus­ge­gli­chen wer­den. Be­son­ders tra­gisch ist die­se Si­tua­tion in Han­del, Gas­tro­no­mie, Kunst und Mu­sik, Fo­to­gra­fie usw.: Hier brau­chen vie­le be­reits ih­re Al­ters­vor­sor­ge auf.

Krueger. Stichwort: Arbeitslosigkeit. An­ga­ben der Bun­des­re­gie­rung zu­fol­ge ha­ben in der Corona-Krise 2020 mehr als ei­ne Mil­lion Men­schen ih­re Ar­beit ver­lo­ren, da­von rund 477.000 so­zial­ver­si­che­rungs­pflich­tig Be­schäf­tig­te und et­wa 526.000 ge­ring­fü­gig Be­schäf­tig­te. Be­son­ders be­trof­fen: das Gast­ge­wer­be mit cir­ca 398.000 Be­schäf­tig­ten, das ver­ar­bei­ten­de Ge­wer­be mit et­wa 128.000 Be­schäf­tig­ten, die meis­ten in der Me­tall- und Elek­tro­in­dus­trie, zu­dem rund 78.000 Mi­ni­job­ber in der Kunst‑, Un­ter­hal­tungs- und Er­ho­lungs­bran­che. Wel­che Maß­nah­men ha­ben die Un­ter­neh­mer der Ini­tia­ti­ve zur Be­wäl­ti­gung der Corona-Krise ergriffen?

Dettendorfer. Die meis­ten ver­su­chen, durch Kurz­ar­beit ih­re Be­schäf­tig­ten zu hal­ten. Da­mit die­se Ar­beit­neh­mer, be­son­ders im Be­reich der Ge­ring­ver­die­ner, über­le­ben kön­nen, sto­cken vie­le Be­trie­be dies so­gar noch auf. So­weit mög­lich, ha­ben die Un­ter­neh­mer auch ver­sucht, ein „To Go“-Ge­schäft oder ei­nen On­line-Ver­kauf auf die Bei­ne zu stellen.

Krueger. Stichwort: Wirtschaft. „Wir wer­den den Wirt­schafts­ein­bruch nicht nur stop­pen, son­dern wir wer­den ihn um­keh­ren. Wir ha­ben spä­tes­tens 2022 wie­der die al­te Stär­ke er­reicht“, hat Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­ter Peter Altmaier (CDU) jüngst an­ge­kün­digt. Und die Wirt­schafts­wis­sen­schaft­le­rin Prof. Dr. Veronika Grimm, In­ha­be­rin des Lehr­stuhls für Wirt­schafts­theo­rie an der Uni­ver­si­tät Erlangen-Nürnberg so­wie Mit­glied im Sach­ver­stän­di­gen­rat zur Be­gut­ach­tung der ge­samt­wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung, ist zu­ver­sicht­lich: Grimm er­war­tet mit En­de der Corona-Maß­nah­men ei­ne „kräf­ti­ge Er­ho­lung im zwei­ten Quar­tal“. Ak­tu­ell wird in Aus­sicht ge­stellt, die pro­ble­ma­ti­schen Grund­rechts­ein­schrän­kun­gen für Ge­impf­te oder ne­ga­tiv Ge­tes­te­te auf­zu­he­ben, wo­bei Ge­sund­heits­öko­nom Prof. Dr. Karl Lauterbach (SPD) meint, dass die­se dann Impf­päs­se oder An­ti­gen-Tests be­nö­ti­gen. Wel­chen Stel­len­wert misst die Ini­tia­ti­ve sol­chen Prog­no­sen bei?

Dettendorfer. Von sol­chen Prog­no­sen hal­te ich sehr we­nig. Die­se Durch­hal­te­pa­ro­len hö­ren wir nun schon seit Jah­res­be­ginn. Vie­le Ver­spre­chun­gen der Re­gie­rung/Mi­nis­ter/Ab­ge­ord­ne­ten wie schnel­le Hil­fe, bal­di­ge Öff­nungs­per­spek­ti­ve wer­den lau­fend ge­bro­chen. Im Übri­gen ist der in den In­ter­net-Han­del ab­ge­wan­der­te Kun­de schwer zu­rück­zu­ho­len. Falls sie es über­stan­den ha­ben, sind nach die­ser Durst­stre­cke ge­beu­tel­te Un­ter­neh­men mit dann klei­ner Ei­gen­ka­pi­tal­quo­te nicht wirk­lich in­ves­ti­tions­fä­hig und da­her nicht fit für ei­ne schnel­le Kon­junk­tur­er­ho­lung. Es zeigt sich be­reits jetzt, dass sich das Ein­tei­len der Be­völ­ke­rung in ge­testet/nicht ge­testet, bald dann ge­impft/nicht ge­impft, enorm auf die Kauf­lau­ne der Leute aus­wirkt. Vie­le un­se­rer Un­ter­neh­mer­in­nen und Un­ter­neh­mer sind grund­sätz­lich der Mei­nung, dass ei­ne Auf­tei­lung un­se­rer Ge­sell­schaft nicht an un­se­ren Tü­ren statt­fin­den darf. Das führt zwangs­läu­fig zu ei­ner ge­fähr­li­chen Spaltung.

Forderung nach Öffnung aller Betriebe

Krueger. Stichwort: „Bundes-Notbremse“ – ge­nauer: „Vier­tes Ge­setz zum Schutz der Be­völ­ke­rung bei ei­ner epi­de­mi­schen La­ge von na­tio­na­ler Trag­wei­te“. Der­zeit lie­gen al­le 96 baye­ri­schen Land­krei­se und kreis­freien Städ­te ober­halb der 7‑Tage-In­zi­denz von 50, bei der die Öff­nung von nicht-es­­sen­­ziel­­len Ge­schäf­ten mit Kun­den­ver­kehr er­laubt ist, wenn Schutz- und Hy­gie­ne­maß­nah­men wie Ober­gren­ze der Kun­den­zahl pro Qua­drat­me­ter, Min­dest­ab­stand, Mas­ken­pflicht, Schutz- und Hy­gie­ne­kon­zept ein­ge­hal­ten wer­den. 65 lie­gen hö­her als der Schwel­len­wert 150, sind vom „har­ten Lock­down“ der „Bun­des-Not­brem­se“ be­trof­fen. Das ist nach den Wor­ten von Eberhard Sasse, Prä­si­dent des Baye­ri­schen In­dus­trie- und Han­dels­kam­mer­tags (BIHK), ein deut­li­cher Rück­schlag, denn der Frei­staat woll­te ur­sprüng­lich das Shop­ping nach An­mel­dung und Test auch dann er­lau­ben. Die Ini­tia­ti­ve hat schon im Vor­feld er­heb­li­che Zwei­fel an Wirk­sam­keit und Ver­hält­nis­mä­ßig­keit der im Gesetz ge­trof­fe­nen Maß­nah­men ge­äu­ßert. Wel­cher Lö­sungs­an­satz schwebt den Un­ter­neh­mern statt­des­sen vor?

Dettendorfer. Un­se­re Ini­tia­ti­ve for­dert hier­zu seit Wo­chen das Öff­nen al­ler Be­trie­be zu den Be­din­gun­gen vom Ok­to­ber 2020. Mit die­sen Maß­nah­men hat bei­spiels­wei­se die Gas­tro­no­mie be­wie­sen, dass von ihr kei­ne er­höh­te In­fek­tions­ge­fahr ausgeht.

Krueger. Stichwort: Hilfsgelder. Im Frei­staat ist die IHK für München und Oberbayern im Auf­trag der Baye­ri­schen Staats­re­gie­rung für die Ab­wick­lung der Wirt­schafts­hil­fen zu­stän­dig. Nach ih­ren An­ga­ben ha­ben seit Ju­li 2020 von der Corona-Krise be­trof­fe­ne Selbst­stän­di­ge, Be­trie­be und Ein­rich­tun­gen in Bayern Zu­schüs­se in Hö­he von vier Mil­liar­den Eu­ro er­hal­ten. Die Sum­me um­fasst die bis­lang aus­ge­zahl­ten Un­ter­stüt­zungs­gel­der der Pro­gram­me Über­brü­ckungs­hil­fe I bis III, No­vem­ber‑, De­zem­ber- so­wie der baye­ri­schen Ok­to­ber­hil­fe. Mehr als 50 Pro­zent der be­wil­lig­ten und aus­ge­zahl­ten Gel­der er­hiel­ten An­trags­stel­ler aus dem Gast­­ge­wer­be (über zwei Mil­liar­den Eu­ro). Mit ei­nem An­teil von fast zwölf Pro­zent (472 Mil­lio­nen Eu­ro) folgt der Wirt­schafts­zweig „Kunst, Un­ter­hal­tung und Er­ho­lung“, zu dem un­ter an­de­rem Ki­nos, Mu­seen, The­ater, Kon­zert­ver­an­stal­ter, Frei­zeit­parks und Fit­ness­stu­dios ge­hö­ren. Rund zehn Pro­zent der Corona-Hil­fen (383 Mil­lio­nen Eu­ro) ging an Be­trie­be aus dem Wirt­schafts­zweig „Han­del, In­stand­hal­tung und Re­pa­ra­tur von Kraft­fahr­zeu­gen“, zu dem ne­ben dem klas­si­schen Ein­zel­han­del auch der Groß­han­del so­wie Au­to­häu­ser und Kfz-Werk­stät­ten ge­hör­en. Laut IHK-Prä­si­dent Sasse er­set­zen die Hilfs­gel­der aber „nie­mals selbst er­wirt­schaf­te­te Um­sät­ze“. Nö­tig sei viel­mehr ei­ne Öff­nungs­per­spek­ti­ve. Wie kann die­se für die Un­ter­neh­mer der Ini­tia­ti­ve aussehen?

Dettendorfer. Das ist rich­tig, die selbst er­wirt­schaf­te­ten Um­sät­ze sind un­er­läss­lich. Tei­le des Wirt­schafts­kreis­laufs durch Hilfs­zah­lun­gen zu er­set­zen, ist nicht das Glei­che. Durch den Le­bens­mit­tel­han­del ist er­sicht­lich, dass – ob­wohl in Su­per­märk­ten zu Stoß­zei­ten et­was an­de­res zu er­war­ten wä­re – mit ei­ner Per­so­nen­be­gren­zung je nach Grö­ße des Ge­schäfts das An­ste­ckungs­ri­si­ko zu ver­nach­läs­si­gen ist. Mei­ner Mei­nung nach wä­re in Au­ßen­be­rei­chen, wenn ein ent­spre­chen­der Ab­stand – Ter­ras­sen, Märk­te usw. – ge­währ­leis­tet wer­den kann, der Ver­zicht auf das um­strit­te­ne Mas­ken-Tra­gen sinnvoll.

Krueger. Stichwort: Entschädigung. Mi­nis­ter­prä­si­dent Dr. Markus Söder (CSU) hat bei ei­ner 7‑Ta­ge-In­zi­denz un­ter 100 ab 10. Mai 2021 Öff­nun­gen für Au­ßen­gas­tro­no­mie und Ho­tels an­ge­kün­digt. Angela Inselkammer, Prä­si­den­tin des Baye­ri­schen Ho­tel- und Gast­stät­ten­ver­ban­des DEHOGA Bayern, be­grüßt dies. Der Ver­band for­dert zu­gleich ei­ne Öff­nung für al­le Ge­impf­ten, Ge­ne­se­nen und ne­ga­tiv Ge­tes­te­ten un­ab­hän­gig von In­zi­denz­wer­ten – zu­nächst mit um­fas­sen­der Test­stra­te­gie und di­gi­ta­ler Kon­takt­nach­ver­fol­gung, dann bei rück­läu­fi­gem In­fek­tions­ge­sche­hen oh­ne Tests. An die Bun­des­po­li­tik ge­rich­tet for­dert Inselkammer die Ent­schä­di­gung des kom­plet­ten durch die zwangs­wei­se Schlie­ßung ent­stan­de­nen Scha­dens, „und zwar für ges­tern, heu­te und mor­gen“. Wie steht die Ini­tia­ti­ve zu die­sen Forderungen?

Dettendorfer. Der voll­stän­di­ge Aus­gleich al­ler Schä­den ist mei­nes Er­ach­tens ei­ne Uto­pie. Bei den der­zeit sin­ken­den Steuer­ein­nah­men und gleich­zei­tig mas­siv stei­gen­den So­zial­aus­ga­ben, bei­spiels­wei­se für das Kurz­ar­bei­ter­geld, klafft be­reits jetzt ei­ne gi­gan­ti­sche Lü­cke von cir­ca 200 Mil­liar­den Eu­ro im Haus­halt. Bei den be­reits an­ge­häuf­ten Mil­liar­den-Ver­lus­ten in den So­zial­ver­si­che­run­gen wer­den auch Staats­zu­schüs­se not­wen­dig wer­den. Nach­dem al­len ein Impf­an­ge­bot ge­macht wur­de, ist die po­li­ti­sche Be­en­di­gung der Maß­nah­men un­um­gäng­lich. Nur dies und die schnel­le Um­kehr zu ei­nem Le­ben mit Corona in Ei­gen­ver­ant­wor­tung der Bür­ger und Un­ter­neh­men kann die be­vor­ste­hen­de Ka­tas­tro­phe verhindern.

Krueger. Herr Dettendorfer, dan­ke für das Gespräch. 


Erstveröffentlichung

Print: Ro­sen­hei­mer blick, Inn­ta­ler blick, Mang­fall­ta­ler blick, Was­ser­bur­ger blick, 35. Jg., Nr. 18/2021, Sams­tag, 8. Mai 2021, S. 1ff., Ko­lum­ne „Leit­ar­tikel“ (Kurz­fas­sung) [7+224/6/2/4; zwei Fotos].
Online: ⭱ blick-punkt.com, Mitt­woch, 5. Mai 2021; ⭱ E‑Paper Ro­sen­hei­mer blick, ⭱ E‑Paper Inn­ta­ler blick, ⭱ E‑Paper Mang­fall­ta­ler blick, ⭱ E‑Paper Was­ser­bur­ger blick, Sams­tag, 8. Mai 2021.


 

Dr. Olaf Konstantin Krueger M.A.

Digitaljournalist – Digitalpolitiker

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