Bürgerprotest gegen Neuordnung des Polizeiaufgabengesetzes
Kohnen: „PAG wahrscheinlich verfassungswidrig“

Mün­chen — Die von der bayeri­schen Staats­re­gie­rung ge­plan­te Neu­ord­nung des Po­li­zei­rechts er­fährt mas­si­ven Wi­der­stand: Ein brei­tes Bünd­nis aus mehr als 40 Par­teien, Ver­bän­den, Ver­ei­nen und Or­ga­ni­sa­tio­nen will die Ver­ab­schie­dung des über­ar­bei­te­ten Po­li­zei­auf­ga­ben­ge­set­zes (PAG) ver­hin­dern. Das „PAG-Neu­ord­nungs­ge­setz“ soll am 15. Mai vom Land­tag be­schlos­sen wer­den. Die CSU kann es dank ih­rer ab­so­lu­ten Mehr­heit im Al­lein­gang ver­ab­schie­den. SPD, Bünd­nis 90/DIE GRÜ­NEN und DIE LINKE ha­ben be­reits Ver­fas­sungs­kla­ge an­ge­kün­digt, ei­ne ePeti­tion auf weact.campact.de wird von knapp 100.000 Un­ter­stüt­zern ge­tra­gen und das Bünd­nis „noPAG – Nein! zum neu­en Po­li­zei­auf­ga­ben­ge­setz Bayern“ will an Chris­ti Him­mel­fahrt, 10. Mai, mit ei­ner Kund­ge­bung auf dem Münch­ner Ma­rien­platz dem „Bür­ger­pro­test“ Nach­druck ver­lei­hen.

Das PAG-Neu­ord­nungs­ge­setz be­zweckt, Ge­fah­ren oder dro­hen­de Ge­fah­ren für be­deu­ten­de Rechts­gü­ter, die öf­fent­li­che Si­cher­heit oder Ord­nung ab­zu­wen­den, sprich: Straf­ta­ten zu ver­hin­dern, be­vor sie be­gan­gen wer­den. Da­zu wird die „Ge­fah­ren­ka­te­go­rie der dro­hen­den Ge­fahr“ ein­ge­führt. Hier­nach muss ei­ne kon­kre­te Ge­fahr nicht mehr zwangs­läu­fig vor ei­nem Rich­ter be­legt wer­den, ein Ver­dacht kann aus­rei­chen. Ge­fahr­ver­ur­sa­cher aus un­ter­schied­li­chen Be­rei­chen – vom Hoo­li­gan über po­ten­ziel­le Se­xu­al­straf­tä­ter bis hin zum is­la­mis­ti­schen Ge­fähr­der und Ter­ro­ris­ten – sol­len von ih­rem ge­fähr­den­den Tun räum­lich wie zeit­lich ab­ge­hal­ten wer­den. Die Po­li­zei soll in be­grün­de­ten Ein­zel­fäl­len Woh­nun­gen ver­deckt be­tre­ten, durch­su­chen und ver­wan­zen dür­fen so­wie pri­va­te Da­ten ab­grei­fen kön­nen – auf Com­pu­tern, Smart­phones, in der Cloud und in ver­schlüs­sel­ten Chats. Außer­dem wird die prä­ven­ti­ve, rich­ter­lich an­ge­ord­ne­te und über­wach­te Post­si­cher­stel­lung „un­ter stren­gen Voraus­set­zun­gen“ er­mög­licht. Über­dies dür­fen die „Ge­fähr­der“ vor­sorg­lich weg­ge­sperrt wer­den.

Aus­ge­hend von der tech­ni­schen Ent­wick­lung wer­den die „po­li­zei­li­chen Be­fug­nis­nor­men“ zur Durch­su­chung elek­tro­ni­scher Spei­cher­me­dien durch ei­ne „rechts­kla­re Re­ge­lung“ er­gänzt. Die Da­ten­er­he­bung kann zu­dem „durch die mo­le­ku­lar­ge­ne­ti­sche Un­ter­su­chung auf­ge­fun­de­nen Spu­ren­ma­te­rials un­be­kann­ter Her­kunft zum Zwe­cke der Fest­stel­lung des DNA-Iden­ti­fi­zie­rungs­mus­ters, des Ge­schlechts, der Au­gen‑, Haar- und Haut­far­be, des bio­lo­gi­schen Al­ters und der bio­geo­gra­phi­schen Her­kunft des Spu­ren­ver­ur­sa­chers er­fol­gen, wenn die Ab­wehr der Ge­fahr auf an­de­re Wei­se aus­sichts­los oder we­sent­lich er­schwert wä­re“. Öf­fent­li­che und nicht­öf­fent­li­che Stel­len kön­nen ver­pflich­tet wer­den, der Po­li­zei per­so­nen­be­zo­ge­ne Da­ten zum Zwecke des Ab­gleichs mit an­de­ren Da­ten­be­stän­den zu über­mit­teln, wo­bei die Ver­fas­sungs­schutz­be­hör­den des Bun­des und der Län­der, des Bun­des­nach­rich­ten­diens­tes und des Mi­li­tä­ri­schen Ab­schirm­diens­tes so­wie Be­rufs­ge­heim­nis­trä­ger da­von aus­ge­nom­men sind.

Noch nie gab es ein Po­li­zei­auf­ga­ben­ge­setz mit so um­fas­sen­den
Da­ten­schutz­vor­schrif­ten und rechts­staat­li­chen Ga­ran­tien.
Wir stär­ken mit die­sem Ge­setz Bür­ger­rech­te und den Da­ten­schutz.
Jo­achim Herr­mann (CSU), Staats­mi­nis­ter des In­nern, für Sport und In­te­gra­tion

Das PAG-Neu­ord­nungs­ge­setz re­gelt zu­dem Auf­nah­men und Über­sichts­auf­zeich­nun­gen bei gro­ßen oder un­über­sicht­li­chen Ver­an­stal­tun­gen oder An­samm­lun­gen. So soll die Po­li­zei auf De­mon­stra­tio­nen fil­men dür­fen, auch wenn dort nicht mit Straf­ta­ten zu rech­nen ist. Über­dies soll die au­to­ma­ti­sche Ge­sichts­er­ken­nung er­laubt und der Ein­satz von un­be­mann­ten Luft­fahrt­sys­te­men, al­so Droh­nen, ge­re­gelt wer­den. Be­grün­det wer­den die um­fäng­li­chen Er­gän­zun­gen des Po­li­zei­auf­ga­ben­ge­set­zes mit dem Kampf ge­gen grenz­über­schrei­ten­de Kri­mi­na­li­tät, Ter­ro­ris­mus und Cyber­kri­mi­na­li­tät. Im Ge­setz­ent­wurf selbst wird zu­för­derst auf die Um­set­zung der EU-Richt­li­nie 2016/680 vom 27. April 2016 hin­ge­wie­sen und den Zwang zur An­pas­sung an die sich mit­tel­bar aus­wir­ken­den Maß­ga­ben der ak­tu­el­len Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts, der EU-Da­ten­schutz­grund­ver­ord­nung (EU-DSGVO) und der Neu­fas­sung des Baye­ri­schen Da­ten­schutz­ge­set­zes (BayDSG-E).

Frei­staat wird zum Po­li­zei­staat“?

Kri­ti­ker des PAG-Neu­ord­nungs­ge­set­zes mo­nie­ren, dass die Po­li­zei im Frei­staat ei­ne Fül­le neu­er Kom­pe­ten­zen er­hal­ten soll und gleich­zei­tig die Bür­ger­rech­te mas­siv ein­ge­schränkt wür­den. Da­mit über­schrei­te der Staat sei­ne Gren­zen, heb­le teil­wei­se die Jus­tiz aus. Sie weh­ren sich ge­gen prä­ven­ti­ve DNA-Pro­ben oh­ne kon­kre­ten An­lass, die Ein­füh­rung ei­ner Vi­deo­über­wa­chung mit au­to­ma­ti­sier­ten Ab­glei­chen von Fahn­dungs­bil­dern, die Wie­der­ein­füh­rung von Ab­hör­maß­nah­men und den im PAG-Neu­ord­nungs­ge­setz ver­an­ker­ten Be­griff der „dro­hen­den Ge­fahr“, wel­cher die Ein­satz­schwel­le für Po­li­zei­maß­nah­men sen­ken könn­te. „Mit die­sem Ge­setz wür­de Bayern zum Po­li­zei­staat wer­den“, heißt es da­zu in der ePe­ti­tion auf WeAct, der Pe­ti­tions­platt­form von Campact. „Fakt ist: Wir ha­ben die nie­drigs­te Kri­mi­na­li­täts­be­las­tung seit 30 Jah­ren in Bayern. Wo­zu braucht es al­so mehr Über­wa­chung?“, fragt Ini­tia­tor Ni­co­lai Wil­ke.

Der Ent­wurf ist maß­los, wahr­schein­lich auch ver­fas­sungs­wi­drig“, kri­ti­siert die Lan­des­vor­sit­zen­de der BayernSPD, Na­ta­scha Koh­nen. Ih­re Par­tei leh­ne die neu­en Be­fug­nis­se „ge­schlos­sen“ ab. Ka­tha­ri­na Schul­ze, Frak­tions­vor­sit­zen­de von Bünd­nis 90/DIE GRÜ­NEN im Bayeri­schen Land­tag, fin­det def­ti­ge­re Wor­te: „Die CSU be­fin­det sich im Über­wa­chungs­rausch“, be­schwert sie sich. AfD-Lan­des­vor­sit­zen­der Mar­tin Si­chert spricht so­gar von ei­nem „si­cher­heits­po­li­ti­schen Amok­lauf“ der Staats­re­gie­rung. Ne­ben Netz­ak­ti­vis­ten und den Di­gi­tal­po­li­ti­kern der Pi­ra­ten­par­tei stem­men sich auch Jour­na­lis­ten ge­gen das PAG-Neu­ord­nungs­ge­setz. So be­deu­ten die Plä­ne der Staats­re­gie­rung für den Baye­ri­schen Jour­na­lis­ten-Ver­band (BJV) laut Ge­schäfts­füh­rer Den­nis Amour „ei­ne mas­si­ve Ge­fahr“ für die freie Be­richt­er­stat­tung: „Un­ter dem Deck­man­tel er­höh­ter Si­cher­heits­an­for­de­run­gen wird die Ar­beit der Pres­se be­droht, in­dem die Hür­den zur Über­wa­chung von Jour­na­lis­ten ab­ge­senkt wer­den.“ Die­ser Ent­wick­lung stel­le sich der BJV „ent­schie­den ent­ge­gen“. Die frak­tions­lo­se Land­tags­ab­ge­ord­ne­te Clau­dia Stamm be­grün­det wie­de­rum ihr Vor­ha­ben, vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in Karls­ru­he ge­gen das PAG-Neu­ord­nungs­ge­setz zu kla­gen, mit der Ein­las­sung von Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Horst See­ho­fer (CSU), das Ge­setz als Mus­ter für den Bund und an­de­re Bun­des­län­der zu neh­men.

Die CSU und In­nen­mi­nis­ter Jo­achim Herr­mann be­kla­gen hin­ge­gen ei­ne ge­ziel­te „Des­in­for­ma­tions­kam­pag­ne“: Die maß­vol­le An­pas­sung der Be­fug­nis­se dien­te viel­mehr der Ver­tei­di­gung der Si­cher­heit und Frei­heit in Bayern, die No­vel­le stär­ke so­gar die Bür­ger­rech­te. „In An­be­tracht der Ge­fah­ren­la­ge“ sieht auch der Po­li­zei­prä­si­dent des Po­li­zei­prä­si­di­ums Ober­bayern Süd, Ro­bert Kopp, „selbst­ver­ständ­lich“ ei­nen Fort­schritt im PAG-Neu­ord­nungs­ge­setz: Ge­wis­se Ge­fah­ren wä­ren mit den ver­än­der­ten Be­fug­nis­nor­men eher in den Griff zu be­kom­men, et­wa durch die Te­le­kom­mu­ni­ka­tions­über­wa­chung. Kopp ver­weist da­bei auf den recht­li­chen An­pas­sungs­zwang und be­ruhigt: „Wir le­ben in ei­nem Rechts­staat“.

Der 101-sei­­ti­ge Ge­setz­ent­wurf ist on­line he­r­unter­lad­bar, die Stand­punk­te des „noPAG“-Bünd­nis­ses ab­ruf­bar un­ter www.nopagby.de


Erstveröffentlichung

Print: Ro­sen­hei­mer blick, Inn­ta­ler blick, Mang­fall­ta­ler blick, Was­ser­bur­ger blick, 31. Jg., Nr. 17/2018, Sams­tag, 28. April 2018, S. 1f., Ko­lum­ne „Leit­ar­ti­kel“; Inn-Salz­ach blick, 10. Jg., Nr. 17/2018, Sams­tag, 28. April 2018, S. 1f., Ko­lum­ne „Leit­ar­ti­kel“ [213/3/ – /9].
Online: ⭱ blick-punkt.com, Don­ners­tag, 26. April 2018; ⭱ E‑Paper Ro­sen­hei­mer blick, ⭱ E‑Paper Inn­ta­ler blick, ⭱ E‑Paper Mang­fall­ta­ler blick, ⭱ E‑Paper Was­ser­bur­ger blick, ⭱ E‑Paper Inn-Salz­ach blick, Sams­tag, 28. April 2018.
 

Dr. Olaf Konstantin Krueger M.A.

Digitaljournalist – Digitalpolitiker

%d Bloggern gefällt das: